Probefahrt mit dem McLaren GT

  • Optisch ist der Wagen wirklich toll. Im Showroom steht einer in Bordeaux (Amaranth red), der Vorführer ist in einem Grün (Viridian) gehalten, das von Aston Martin stammen könnte. Beides diskrete Farben, die dem Wagen mit seiner sehr stimmigen Linienführung Eleganz und Dynamik verleihen. Mir jedenfalls gefällt er ausgezeichnet.

    Der Raum unter der Heckklappe mag zwar ein Kofferset schlucken, doch einen Kasten Mineralwasser kann man nur vorne transportieren. Dafür ist der Einstieg wesentlich leichter als bei allen anderen McLaren, was u.a. auch daran liegt, dass die Türen weiter ausschwenken als bei den anderen Modellen, dafür aber auch mehr Platz benötigen.

    Innen ist alles elektrisch verstellbar. Die Sitze sind etwas weicher gepolstert als im 570s, doch allgemein lehnt sich der GT innen schon sehr stark an die Sport Series an. Einzig die Mittelkonsole ist etwas anders gestaltet (was ich persönlich eher schlechter finde, aber ich bin mich ja den 570s/600LT gewohnt) und des infotainment ist deutlich ergonomischer und schneller.

    Als routinierter McLaren-Pilot finde ich mich sofort zurecht. Sitze eingestellt, Spiegel ausgerichtet und Motor gestartet. Schon kurz nach dem Losfahren meldet sich ein Warnlicht: Reifendruck vorne links zu niedrig... Kälte scheint dem Sensor noch immer Mühe zu bereiten.

    Auf den mehrheitlich feuchten Strassen halte ich mich nobel zurück.

    Der Motor ist akustisch nicht aufdringlich, aber präsent, was gemäss Andrist am Sportauspuff liegt. Ich hätte ihn mir für einen GT etwas leiser gewünscht, wobei laut ist das Auto definitiv nicht.

    Der Komfortmodus wird seinem Namen gerecht. Unebenheiten werden komplett weggefedert - ein fliegender Teppich wie der 720s. Die Schaltvorgänge sind extrem fliessend und kaum spürbar. Der Motor gibt seine Leistung linear ab, hat jederzeit Punch, ohne aber zu explodieren wie bei der Sport Series. Die Lenkung ist Mclaren-typisch ein Gedicht. Unglaublich direkt und präzis.

    So cruise ich die ersten Kilometer auf der Autobahn, bevor ich in Bülach meine Stammstrecke über den Eschenmoser unter die Räder nehme.

    Modus "Sport" anwählen und ordentlich auf die Tube getreten. Dumm nur, dass vor mir zwei Familienkutschen im gehobenen Schritttempo den Berg hoch zuckeln. Ein kurzes gerades Stück reicht, um die beiden "aufzuschnupfen". Die >600 PS werfen den GT unspektakulär aber gewaltig schnell vorwärts. Kein Vergleich zur Brutalität des 600LT, aber doch schon unglaublich schnell. Die Schaltvorgänge sind nun deutlich härter und nicht mehr so verschliffen. Das Fahrwerk ist noch immer deutlich sanfter als mein Renner, aber vermittelt gehobenen Fahrspass. Gut gemacht, Woking.

    Die engen Kurven lassen sich genauso sportlich fahren wie man es sich wünscht. Die Lenkpräzision ist ein Freudenspender erster Güte. Das Auto ist klar mehr Sportwagen als GT.

    Den Track-Modus lasse ich aus in Anbetracht der nassen Strassen.

    Die digitalen Anzeigen sind mir zu nüchtern (eigentlich nur Schwarz/Weiss - knochentrocken) gestaltet und die Mittelkonsole gefällt mir in der Sport Series besser. Was der GT mit Stauraum etwas an Alltagstauglichkeit gewinnt, verliert er mit der weiter aufschwingenden Türen wieder, wenn so auch das EIn- und Aussteigen etwas leichter ist. So wirklich sehe ich die Nische für den GT nicht. Der 570s ist das "ehrlichere", weil kompromisslosere Auto.

    Und nachdem ich mit dem LT wieder nach Hause gefahren bin, weiss ich endgültig: Ich bin kein GT-Typ - ich mag es richtig sportlich. So gut der GT auch ist, der LT ist meins!


    es grüsst Wiesel348
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