Die "krumme Karre"

Am Wochenende soll das Wetter schön, sonnig und mit zweistelligen Temperaturen werden, Zeit, das Graukäppchen endlich im Kasten verschwinden und mir den Fahrtwind um die Ohren wehen zu lassen. Und noch viel, viel mehr...


Mein ältester Freund meldet sich und reißt mich aus den Träumen. Freue mich, daß wir trotz der Entfernung und all der Jahre immer noch im Kontakt sind und gleichzeitig schließt das ein Paar Gehirnzellen kurz und beamt mich 17 Jahre zurück. Da war doch was damals, 1996, im wildesten Osten Europas. In einem Land irgendwo zwischen Kommunismus und moderne Gesellschaft. Da war ein Land wie ein moderner wilder Westen. Oder Chicago zu den Zeiten der Prohibition. Ein Land, wo dubiose oder absolut abscheuliche Gestalten innerhalb von ein Paar Jahren Reichtümer noch dubioserer Herkunft angehäuft haben und das Geld auf der Straße rollte.


Ja, das Geld rollte auf der Straße. Besagte dubiose Gestalten taten ihr bestes, um daherzukommen wie Al Capone oder John Dillinger, so hat man auf den Straßen mehr Brabus, AMG, König oder Lorinser gesehen, als wohl im ganzen restlichen Europa zusammen. Manchmal fast schmerzhafte Ansichten für zwei Jungs, die gerade 20 geworden und autoverrückt waren. An das Bild eines Typen mit dem Körperbau einer Kanonenkugel, Tattoos, Goldkettchen und dem Erscheinung eines Zuhälters, bekleidet nur mit Badelatschen, Bermudashorts und Ray-Ban im offenen Lorinser SL kann ich mich heute noch erinnern. Hab fast gekotzt.


Aber da war noch etwas. Ein Porsche. Ein geminigrauer 924er. Zerschlissen, verbastelt, verunfallt. Kein schöner Anblick. Kein guter Kauf, selbst an heutige Verhältnisse gemessen. Und doch ein schöner Porsche. Weil er vielleicht meiner geworden wäre.


Der Porsche gehörte dem Bruder meines besten Freundes. Besagter Bruder hatte zwar noch keinen Führerschein, dafür aber einen pfiffigen Geschäftssinn und wenig Bedenken, am Rande des unerklärlichen großen Geldes anzufangen und sich etwas tiefer einzuarbeiten. Ob und wie krumm seine Geschäfte damals gewesen sind, wußte ich nicht und will es nicht wissen.


Der 924er war aber krumm wie eine Banane. Was ihm der Schicksal an Gespür für Geld gegeben hatte, hatte er beim fahrerischen Können und Glück hinterm Lenkrad gespart. Nach seiner Erzählung sei ihm nachts in einer Kurve die ganze Beleuchtung plötzlich ausgefallen. Die Straße habe er nicht mehr gesehen, dafür die Leitplanke gespürt. Angeblich bei 180 km/h. Zum Glück hat er den Unfall ohne Blessuren überstanden.


So erblickte ich den Porsche vor der Karosseriewerkstatt unseres Vertrauens. Mein Freund meinte, sein Bruder hätte vor, sich vor dem Auto für "kleines Geld" zu trennen. Weiß nicht mehr genau, was ich für ein Gesicht gemacht haben oder was ich ihm für Fragen gestellt haben soll. Krumm wie eine Banane, verbastelt, rostig, mir egal. Wäre sehr wohl wiederaufzubauen, dachte ich. Das gibt's nur einmal, so eine Chance, das kommt nicht wieder, fühlte ich.


Entnervt meinte mein Freund gegen Ende, was ich mit der Mistkarre denn will. Um ehrlich zu sein, wusste ich es selber nicht so genau, aber die Antwort auf seine Frage war genauso einfach wie entrüstet und etwas enttäuscht:
"Ist ein Porsche."


Seine Antwort umso lakonischer:
"Ist eine Shit-Box."


Damit hatte es sich. Einen Porsche würde ich mir eh nie leisten können. Hatte auch nicht wirklich von einem geträumt und in den nächsten 17 Jahren mich sehr selten an den grauen 924er erinnert. Eigentlich hatte ich kein Plan, wie ich den hätte wiederaufbauen sollen. In meinem jugendlichen Leichtsinn blieb nur ein Hauch Wehmut nach der verpassten Chance.


Sechzehn Jahre, einen Umzug in ein neues Land, einen Studium, einige Jahre Berufsleben und fünf Autos später war mir dennoch genug jugendlicher Leichtsinn geblieben, um mich für einen Porsche zu entscheiden. Und so, wie es damals den Boxster garnicht gab, spielte der graue 924er bei dem Kauf keine Rolle. Bis die Kombination aus dem Gespräch mit meinem ältesten Freund und meinen Boxsterträumen diese Episode aus meinem Gedächtnis rief.


Mein Freund hat die Episode fast vergessen und ich muß ihn daran erinnern. Seine Worte sind die gleichen wie vor 17 Jahren:
"Jetzt weiß ich's. Das war aber eine echt krumme Karre!"


Wir lachen darüber.