Ein schlechter Tausch

Ein schöner Oktobertag lag vor uns. Wir hatten uns entschieden, unserer Tochter einen Besuch abzustatten. Sie hatte uns erst kürzlich eröffnet, im nächsten Jahr doch schon eine feste Bindung eingehen zu wollen.
Unser 356er Cabrio war heute auserkoren worden, uns auf dem Weg zur Tochter zu begleiten. Frisch gewaschen und poliert hatte ich ihn schon am Tag zuvor.


So ein schönes Auto hat immer ordentlich auszusehen.
Der 356er schnurrte, das Wetter spielte mit, nach 1,5 Stunden war das Ziel erreicht.
Warm war dieser Tag geworden, eher untypisch für den späten Oktober.
Das Verdeck des 356er blieb vorerst geöffnet.


Nur ein paar Schritte waren zu gehen, unsere Tochter hatte uns schon lange entdeckt und wir verschwanden im Haus.
Die Stunden vergingen, ein kurzer Blick nach draußen ließ mich erinnern, doch noch eben das Verdeck schließen zu müssen.
Eine Hochzeit, vor allem wenn es die Tochter betrifft, lässt sich nicht einmal so eben planen und abhaken. Immer neue Fragen stellten sich, die jetzt und hier nicht gelöst werden konnten. Es ging um die Personenzahl, die einzuladen sind, den Ort der Feier und und und.


Inzwischen war es dunkel geworden und wir hatten in Erwägung gezogen, heute Abend nicht mehr zurück zu fahren.
Ich hole noch eben das Bettzeug aus dem Auto, rief ich meiner Frau zu und verschwand im Dunkel.
Nur Schemenhaft konnte ich die Umrisse meines 356er erkennen, als ich mich ihm näherte.
Aber irgendetwas stimmte nicht. Hatte ich doch schon das Dach geschlossen?


Ich stand vor ihm. Was sich mir dort präsentierte, trieb mir augenblicklich den Schweiß auf die Stirn.
Ein rostiger, zerbeulter unansehnlicher 356er und nicht etwa mein Cabrio, sondern ein Coupe stand vor mir.
Wo war mein Auto geblieben? Hatte ich mich mit dem Parkplatz vertan? Als wir heute Nachmittag angekommen waren, war weit und breit nichts von einem 2. 356er zu sehen.


Ein nicht beschreibbares Gefühl der Ohnmacht und der Wut stieg in mir hoch.
Hatte da etwa jemand meinen 356er kurzerhand geknackt, ihn weggefahren und stattdessen diese alte Kiste dort abgestellt.
In meinem Kopf kreisten die übelsten Gedanken. Ich sah mich schon mit einer Pistole bewaffnet dem Übeltäter auf die Pelle rücken, nur, wo sollte ich ihn suchen?


Ich lief zum Haus zurück. Erzählte, was ich gerade gesehen hatte, aber niemand schien so wirklich Interesse an meiner Entdeckung zu haben.
Obwohl ich wie ein aufgescheuchtes Huhn durch die Wohnung sprang und überlegte, was denn als nächstes zu tun sei, kam ich nicht auf die Idee, erst einmal die Polizei anzurufen.
Meine Frau schien das alles nicht zu interessieren.


Das Gefühl der Ohnmacht und der Hilflosigkeit brachte mich völlig aus der Fassung. Meine Gedanken ließen sich nicht mehr ordnen und warum mir niemand helfen wollte, das verstand ich jetzt gar nicht mehr.
Wie viel Zeit und Geld hatte ich in die Restauration meines 356er gesteckt, wie viel Schweiß und Arbeit hatte er mich gekostet, aber niemand war bereit, auch nur den kleinsten Gedanken an mich und mein Problem zu verschwenden.


Meine Tochter blätterte in einer Zeitung, mein Schwiegersohn in spe vergnügte sich mit einer Flasche Bier, meine Frau schwärmte von ihrer (unserer) Hochzeit und ich stand daneben und tupfte mir den Schweiß von der Stirn.


Einen Wimpernschlag später zuckte ich zusammen.
Alles war dunkel um mich herum, als ich die Augen öffnete.
Hab ich jetzt einen Herzinfarkt, war meine erste Vermutung?
Sehr sehr langsam wurde mir klar, was gerade passiert war.
Ich hatte alles nur geträumt.


Noch NIE habe ich daraufhin einen so befreienden Seufzer von mir geben müssen, wie in diesem Moment und noch nie hatte etwas nur im Traum erlebte, in mir so tiefe Emotionen verursacht, dass ich noch Stunden später über diesen Traum nachdenken musste und mir der Schock wahrhaftig noch lange in den Gliedern steckte.
Es gibt Träume, aus denen man nur sehr ungern wieder aufwachen möchte. Dieser Traum aber hat mir deutlich vor Augen geführt, welche innige Bindung zwischen mir und dem Auto besteht.


Es ist aber wohl weniger das Auto selbst, was mich zu diesen albtraumartigen Geschehnissen geführt hat, sondern die Tatsache, bestohlen zu werden, etwas zu verlieren, was ganz einfach ein Teil von mir selbst geworden war, weil es kaum eine Schraube geben wird, die nicht durch die eigene Hand gegangen ist.
Ausgelöst war der Traum offensichtlich durch die am Abend davor bei mobile.de durchgesuchten Angebote von ‚billigen’ 356er, die in der Mehrzahl eben das Bild abgaben, das ich dann im Traum vor mir hatte.


Was manche Menschen anderen an emotionaler Härte durch ihre kriminelle Energie zumuten, habe ich ansatzweise spüren können.
Mir hat das voll und ganz gereicht und ich kann nur hoffen, so etwas nicht selbst einmal real erleben zu müssen.
(Anmerkung: Diese Geschichte habe ich tatsächlich vor einigen Tagen genauso im Traum erfahren)


Text W.L., Bild W.L. und Internet

.....997/2 Turbo S Cabrio


Gruß
Wolfgang



Ich weise darauf hin, dass ich nach bestem Wissen und Gewissen meine Weisheiten selbst gewusst habe.

Eventuelle Ähnlichkeiten mit anderen Weisheiten sind wissentlich unbewusst.