Neulich nach Feierabend

Lahm. So fühle ich mich, als es endlich Feierabend heißt. Der Tag sitzt mir buchstäblich in den Knochen - Arme fühlen sich wie nach weißgottwieviel Liegestützen und auf dem Weg zum obersten Parkdeck nehme ich lieber den Fahrstuhl. Glücklicherweise sind es ein Paar Überstunden geworden, so bleibt mir das meiste stop-and-go auf der Heimfahrt erspart. Trotz aller Müdigkeit kreist aber ein ketzerischer Gedanke durch mein Kopf...nee, bin doch zu mude für. Oder doch?


Zuhause spielt der wieder kaputte Aufzug Zünglein an der Waage. Zwei Stockwerke nach oben oder lieber erst eins tiefer? Die Entscheidung für letzteres fällt leicht, so schlendere ich in die Tiefgarage. In der hintersten Ecke steht er (oder sie? Hat immer noch keinen Namen...). Das ozeanblau läßt ihn fast in der Ecke verschwinden. Ich mag es so. Langsam komme ich näher und bleibe ein Moment vor ihm stehen. Da schaut er mich mit seinen Spiegelei-Augen an. Sie funkeln ein Bißchen. Der Blick kommt mir bekannt vor. So schaut einen ein Kind an, das etwas verbrochen hat und dennoch weiß, man hat es lieb. Ein wenig verschmitzt, etwas mehr bittend und ganz doll lieb. Gerade dafür liebe ich diese Spiegelei-Augen, für diesen einmaligen Blick, der in diesem Moment: "nimm mich mit" sagt. Wer kann sowas widerstehen?


Eine Tasse Kaffee später bin ich wieder unterwegs in die Tiefgarage mit dem Schlüssel in der Hand. Mit einem Seufzer lasse ich mich im Fahrersitz sinken. Motor an. Verdeck runter, sonst wäre die Fahrt eine lahme Entschuldigung. Bei 16 Grad draußen wird es ein frisches Vergnügen, aber gerade das möchte ich nicht missen. Wir fahren raus in die kühle Abendsonne. Der Fahrtwind zerwühlt mir die Haare und selbst beim behutsamen Gleiten durch den Stadtrand ist es wieder da, dieses geradezu unheimliche Fahrgefühl. Direkt, intensiv und so natürlich, daß man nichts anderes kann, als es aufzunehmen. Die Kupplung und ich sind immer noch nicht die besten Freunde, aber das wird schon. Fleißig schalten, bis der Motor warm ist. Locker auf der Autobahn und die linke Spur sein lassen. Braucht man die überhaupt? Wir heute abend jedenfalls nicht im geringsten. Wie sagte es Sally Carrera noch in "Cars"? "In those days cars went out to have a good time, not to make a good time". Wie wahr. Plötzlich fühlen sich auch die Hände am Lenkrad längst nicht mehr lahm. Und nicht nur die Hände.


Der Motor ist warm, als wir von der Autobahn abfahren. Was kommt, ist eigentlich mehr Cabrio- als Roadsterstrecke. Quer durch Hilden, über Landstraßen nach Wuppertal, von da über Solingen und Langenfeld zurück auf die Autobahn und dann nach Hause. Zu viele Tempolimits und zu viele Ampeln für einen Roadster, und dennoch genieße ich es. Das sonore Röhren des Motors beim runterschalten, das freudige Lied beim beschleunigen. Irgendwie scheint es nicht nur mir Spaß zu machen. Die Temperaturen sind um ein Paar Grad frischer als am Rhein, es macht mir aber nichts im geringsten was aus. Schon lange nich mehr habe ich mit so einem Vergnügen an den Bouquet geschnupptert, was der Fahrtwind mit sich bringt. Eine Bekannte hat es mal scherzhaft "Parfüm de Cabriolet" genannt. Recht hatte sie damit, und heute abend genieße ich eine Extradosis davon. Weiß nicht, ob es am Boxster liegt, daß es sich an diesem kühlen Frühlingabend so intensiv anfühlt. Will ich auch garnicht wissen. Hauptsache, es ist da. Darauf als Sahnehäubchen ein Paar Kurven, so scharf wie Chillischotten und das Vergnügen, wie selbst innerhalb des Tempolimits wir wie auf Schienen da durchgleiten.


In Solingen halte ich an einem Zebrastreifen an, um einen Jungen und ein Mädchen um die 12 vorbeizulassen. Beide lächeln mir zu. Winken. Ich lächle zurück. Ein wenig Wehmut überkommt mich. Deja-vu, wie oft hatte ich das schon mit meiner Diva? Vergessen werde ich sie nie, die blaue Schönheit, und all die schönen Zeiten, die wir hatten. Aber das dieses Gefühl und diese Ausstrahlung wieder da ist...einfach unglaublich. Und eigentlich war ich nur hundemüde in eine kleine Fahrt nach Feierabend gestartet...


Irgendwann sind wir wieder auf der Autobahn nach Hause. Bei 130 sind die Scheiben immer noch unten und es macht immer noch Spaß. Ein dunkelgrauer SL (R129) überholt uns. Offen, auch wenn Seitenscheiben und Windschott oben sind. Gute Heimfahrt, Dicker! In Gedanken wünsche ich dem SL-Fahrer midenstens genausoviel Vergnügen, wie momentan der Boxster und ich haben.


Viel zu schnell sind wir wieder in der heimischen Garage. Beim Aussteigen höre ich dem leisen Knistern des Auspuffs, während er abkühlt. Irgendwie kommt mir das Geräusch anders vor. Delikat. Und überhaupt fühle ich mich ganz anders als zuvor. Irgendwie aufgedreht. Unter Strom. High. Nicht mehr müde. Aufgewacht. Genauso habe ich mich ein Paar Tage zuvor nach der Ausfahrt durch das Oberbergische gefühlt. Als ich weggehe, schaue ich ihm noch einmal in die Spiegelei-Augen.


Danke, Kleiner!