Standesdünkel

Es ist immer wieder erfrischend zu sehen, wie sehr sich die Fahrer der einzelnen Marken mit ihren Vehikeln identifizieren und noch viel mehr über andere ihre Vorurteile zelebrieren. Es wird hier sehr viel interpretiert und frei erfunden. Ich will gar nicht auf die vielen Marken eingehen, bei uns geht’s um Porsche, und hier gibt’s schon mehr als ausreichend köstliche Protagonisten, die die Wertigkeit eines Mitmenschen fast ausschliesslich über das gefahrene Modell festmachen. So ist der einzig wahre Sportwagenfahrer ja ohnehin nur der 911er-Fahrer, wobei sich die Wertigkeit hier noch stark an der Motorleistung und am Modell anlehnt, die Jungs mit einem GT im Schriftzug sind da schon die Elite schlechthin, einer mit Allrad ist dann schon ein kleiner Underdog, ein Weichei.
Die ganzen anderen Modelle beinhalten dann nur noch Möchtegerns, die sich halt keinen eilitären 911er leisten können, arme Schweine. Man grenzt sich ab und bleibt doch gerne unter Seinesgleichen. Besonders schön sieht man das dann auf der Rennstrecke. Die ganzen rollenden Verkehrshindernisse sollten doch am Besten gleich zuhause bleiben, oder sich einfach ein richtiges Auto kaufen ….. wenn sie dann nur könnten!
Dann sieht man die Jungs fahren, wow, wie die an den Underdogs vorbeiziehen, einfach unglaublich. Doch was ist das? In einem kurvigen Teilstück erdreistet sich doch tatsächlich ein 944 den 911 auf seinen Platz zu verweisen und zieht am Ende noch mit grösserem Abstand aus der letzten Kurve raus …. Das muss eine frisierte Kiste sein, Slicks hat er sicher auch drauf, sonst ist so was ja nicht zu erklären! Der 911er-Fahrer ist doch die Krone der Schöpfung und lässt sich nicht so abtrocknen. Na warte, auf der nächsten Geraden wird dem Uneinsichtigen dann mal gezeigt, wo „der Bartl den Most holt“, damit die Welt wieder in Ordnung ist.
Und siehe da, der kräftig motorisierte 6-Zylinder zieht infernalisch an diesem 4-Zylinder-Unding vorbei, die Sonne geht wieder auf und die Welt dreht sich wieder in gewohntem Tempo.
Die nächste Kurve, der 11er muss doch auf die Bremse, die Physik gilt eben auch für ihn. Die mit 4-6 Zylinder bewehrten Zangen pressen die Beläge gegen pizzatellergrosse Scheiben und verzögern wehement. Er lenkt ein und zieht durch die Kurve …. Doch was ist denn das? Dieser Ungläubige mit seiner alten Kiste zeigt sich gross im Rückspiegel und hängt schon wieder an der Stosstange! Hat der Typ eine Abkürzung genommen?!? Das kann doch einfach nicht wahr sein, wieso hält sich dieser Depp nicht an die Naturgesetze und bleibt in respektvollem Abstand zur Krone der Technik? Diese Meisterleistung der deutschen Ingenieurskunst hat doch so viel gekostet, ich habe mir dieses Prachtstück geholt um der Welt meinen unanstreitbaren Status zu zeigen, ich habe einen Haufen Geld über den Tresen geworfen und nun das! Diese Schei$$kiste lässt sich einfach nicht abschütteln! Ich muss gleich in’s PZ, da muss doch was kaputt sein!


Ein bisschen später in der Boxengasse wird dieser Emporkömmling dann begutachtet. Wobei, nein, das kann nicht der von der Strecke sein, der hat ja Strassenreifen drauf und das noch in zivilen Grössen, normaler Sturz, nein, das kann unmöglich dieser Wagen von der Strecke sein, doch es ist der einzige, der hier rumsteht …. Ungläubig zieht er von dannen, murmelt noch was von schlechten Reifen, Idioten im PZ und ist in den Grundfesten seiner Seele erschüttert.


So oder so ähnliche Situationen gibt es immer wieder auf den Rennstrecken dieser Welt. Aber wie kann das sein? Ein 911er, der richtig schnell geht und richtig gut aufbereitet wurde und da kommt einer in einem technisch anspruchsvolleren Streckenabschnitt und holt auf …. Wie geht das?


Linienwahl! Die Ideallinie ist für die meisten Autos sehr ähnlich und nach wie vor die schnellste Linie, wenn man zwischen den Randbegrenzungen bleibt, um zwischen den Geraden mit höchstmöglicher Geschwindigkeit unterwegs zu sein. Viele Fahrer gerade der PS-starken Fahrzeuge setzen sich nur am Rande mit der optimalen Linie auseinander, denn sie brennen ja super Zeiten in den Asphalt. Dass sie noch bessere Zeiten fahren könnten, wenn sie sich intensiv mit der Linienwahl auseinandersetzen würden, ist vielen nicht wirklich bewusst.
Wie lernt man, die Ideallinie zu finden? Klar, in Fahrerlehrgängen auf den vielen Rennstrecken wird einem die Linie gezeigt und man wird dahingehend geführt, dass man die Kurven zu lesen lernt und sich dann mit der Zeit die Ideallinie fast wie in einem Computerspiel auf der Piste abzeichnet. Mit jeder Runde verändert sich die gedachte rote Linie und verfeinert sich.
Interessanterweise sind hierfür eher schwach motorisierte Fahrzeuge mit einem halbwegs brauchbaren Fahrwerk die besten Lehrmeister, denn man kann eine falsch angefahrene Kurve nicht so einfach mit etwas mehr Gas am Kurvenausgang kompensiert werden, es ist nicht mehr Gas da! Um mit einer „Gurke“ schnell zu werden muss man die Linie mit traumwandlerischer Sicherheit finden und auch fahren, am Limit oder zumindest kurz davor. Rundes Fahren und wenige Ausrutscher erlauben dann gleichbleibende Rundenzeiten auf einem guten Niveau, für die Fahrzeugleistung. Klar wird man von den ganzen PS-starken Autos fast stehen gelassen und die so gefahrenen Zeiten verblassen im Vergleich zu deren, aber man entwickelt das Auge für die feine rote Linie auf jeder Piste.


Und das erklärt dann auch das erwähnte Beispiel, ein „Underdog“ hält den „Chef“ auf Abstand. Das soll beileibe nicht heissen, dass die schnellen keinen Plan von der roten Linie haben, nur sie müssen sich nicht auf die dünnen Äste wagen um schnell zu sein. Auch, und hier kommt dann der Dünkel in voller Breitseite, würde kaum einer derer zugeben, dass er schneller fahren könnte, wenn er bloss die Ideallinie finden würde, denn er ist ja schon einer der Schnellsten auf der Piste, er fährt ja auch die Krone …. Tipps und Hinweise werden dann in diesem Stadium nur noch von ausgewiesenen Profis entgegengenommen, unter Röhrl, Schumacher oder Vettel muss da gar keiner daherkommen….


Man kann sich vieles kaufen, tolle Autos, noch mehr Leistung, eine super Ausrüstung in feuerfest mit HANS, nur der Linienfinder, den kann man ein Stück weit lernen und dann muss man das Auge haben, oder eben nicht. Man kann von jedem lernen, hinter dem man herfährt. In den Kurven sind die Unterschiede nicht so gross, als dass man nicht die Linienwahl analysieren und mit der eigenen vergleichen könnte.


Was mir schon oft aufgefallen ist, ist je mehr Sturz und um so mehr Slick ein böses Auto hat, um so mehr Haken schlagen diese Autos in den Kurven, Manöver, die klar aufzeigen, dass das Limit noch recht weit weg ist und noch einige Reserven da sein müssen. Und wehe, man erdreistet sich auch nur nach der Linienwahl zu fragen …..


Greetz


PS: Ich bin Lernender, bei jedem RS-Besuch lerne ich dazu, versuche zu verstehen und schneller zu werden, und ich habe noch viel zu lernen. Ob ich schnell bin, ich hoffe, ob ich lange schnell sein kann, ich arbeite daran. Fahre ich einen 911, nein! Könnte ich mir einen leisten, jederzeit. Will ich irgendwem was sagen, wer weiss….

Nach 320'000 Spiegeleiern kann die Kantine nicht so schlecht gewesen sein!
Harm Lagaay


PS: Ich heisse nicht Greetz k:thinking:

Kommentare 1

  • Wie die Zeit vergeht, mittlerweile fahre ich selber auch einen 911, einen GT3 und schlage keine Haken....