In den Fängen der Sinne

Was heißt hier eigentlich ‚sinnlos’? Können wir sinnlos handeln?
Der Mensch ist so strukturiert, dass er ohne seine Sinne nicht handeln kann.
Mache ich etwas sinnloses, habe ich für mich entschieden, der Sache keine Wichtigkeit zukommen zu lassen.
Doch damit habe ich ja schon eine Wertung vorgenommen, nämlich die, der Sache die Sinnhaftigkeit abzusprechen, was ganz einfach ja dann doch einen Sinn erfüllt.


Doch jede Bewegung, jeder Gedanke, jede Regung hat ihren ureigensten Sinn.
Streiche ich mir in Gedanken versunken über die Stirn und schließe dabei die Augen, arbeitet mein Gehirn in höchster Konzentration.
Ich versuche den optischen Reiz zu minimieren, um die kognitive Anforderung zu optimieren.
Alles was mit mir geschieht und von mir selbst ausgelöst wird, gleicht einem Spiel zwischen den Sinnen.


Man könnte es so ausdrücken, die Summe aller Sinnesreizungen ist gleich Null, bedeutet, erst dann, wenn keiner meiner Sinne das Signal geben sollte, zu reagieren, ist mein Geist in Ruhe, etwa der Moment des Tiefschlafes ohne Traumerlebnis.
Erst solche Momente entlasten den Körper und den Geist und sorgen für Regeneration.


Im Alltag arbeiten die Sinne ganz nach dem Prinzip der Optimierung aller Systeme. Entscheidungen tragen dann oft den Makel der Zufälligkeit in sich, denn es ist uns nicht möglich, in der Summe aller Empfindungen den optimalen Moment bzw. eine optimale Entscheidung zu treffen.


Sitze ich des Abends gemütlich in einem Stuhl und verfolge das innovative Fernsehprogramm, mag es sein, dass ich mit den Gedanken bereits einen Schritt voraus bin, indem ich über den morgigen Tag nachdenke.
Gleichzeitig schmerzt vielleicht mein Rücken ob der unglücklichen Sitzposition und mein Partner stellt die Frage, was es denn morgen zum Essen geben soll. Mein Blick fällt genau in diesem Moment auf das Bild an der Wand, dessen abstrakte Formen mir immer schon Rätsel aufgaben. Klingelt jetzt noch ganz zufällig das Telefon, ist irgendwo meine Aufnahmefähigkeit am Limit.

Was bleibt mir anderes übrig, als mal wieder die Abstraktheit des Bildes kritiklos hinzunehmen, die Frage nach dem morgigen Mittagessen selbst zu klären, das Fernsehprogramm mal wieder sehr lehrreich zu finden, meinen Rücken auf eine spätere Beachtung zu vertrösten und zum Telefon zu rennen.


Ein Kurzcheck der Situation hat mich zu der Überzeugung gebracht, der Anonymität des Telefons Vorrang zu geben.
Ich hätte ja auch das Telefon ignorieren und eine Grundsatzdiskussion über die Wertigkeit eines Möhreneintopfes zum morgigen Mittagessen beginnen können.


Ich hätte ebenso das Bild an der Wand loben und einen Monolog zu den Werken des Künstlers abgeben können.
Auch mein schmerzhaft verzerrtes Gesicht hätte hinreichend als Argument dienen können, meinen Rücken doch jetzt einmal zu schonen und den Anruf unbeantwortet zu lassen.


So ist der späte Abend auch dazu geeignet, der Summe aller Reize zu entfliehen und in eine erste Erholungsphase in Form eines längeren Sekundenschlafes einzutreten.
Aber meine Entscheidung ist bereits gefallen. Telefone besitzen die Eigenart, die gesamte Palette zwischen Schmerz und Freude, Wohl und Weh vermitteln zu können.


Wenn dann aber doch nur Tante Lisbeth die neuesten Nachrichten hören möchte, ist einmal mehr der Beweis erbracht, dass die Vorfreude nicht immer die schönste Freude ist.
Unsere Sinne spielen manchmal verrückt, täuschen uns, geben falsche Signale, oder rufen uns zur Ordnung. Bei Alledem sollte der klare Verstand als oberste Instanz zugegen sein.
Was nützt es, wenn ein Signal aus der Tiefe der Sinneswahrnehmung in falsche Hände gerät und vielleicht dem Gegenüber die Wahrheit gesagt wird.


Die Wahrheit kann den Freundeskreis arg reduzieren, eine nicht zwangsweise immer gute Methode.
Unser Kater hat da einen Vorteil. Er handelt nach dem Prinzip der optimalen Reizbefriedigung. Hunger und der nächtliche Ausgang werden anstandslos akzeptiert und stehen nicht zur Diskussion.


Wir Menschen brauchen oder besser fordern für jede Regung den Nachweis. Bin ich traurig, kann ich diese Gefühlsregung unterdrücken oder offensichtlich machen. Letzteres provoziert unter Umständen Fragen, die ich gar nicht gestellt haben möchte.


In seiner eigenen Sinneswahrnehmung verborgen zu sein, ohne sie darstellen bzw. preisgeben zu müssen, entspricht eigentlich dem Normalfall, denn die tägliche Beanspruchung des Wahrnehmungsapparates geschieht in einer Größenordnung, die nur ganz alleine verarbeitet werden kann.
Damit ist eigentlich deutlich geworden, dass jeder Mensch ein sehr einsames Leben führt. Zwar dringt ein Teil der innersten Regungen nach draußen, doch die große Zahl der Empfindungen muss jeder mit sich selbst ausmachen.


So bleibt jeder Mensch, wie auch jedes Wesen auf der Erde, in seiner Einmaligkeit etwas ganz Besonderes.


Missverständnisse resultieren häufig ganz einfach daraus, dass bestimmte Begebenheiten nicht zwangsläufig von Jedermann gleich beurteilt und gewertet werden. Sinneswahrnehmungen sind sehr subjektiv, weshalb eine richtige oder falsche Antwort dazu nicht gegeben werden kann.
Folglich wäre es vernünftig, die eigenen Empfindungen deutlich zu machen, um Missverständnisse zu vermeiden. Leider gelingt uns das nur selten, mit dem Resultat einer zunehmenden Verschließung des eigenen Ichs gegenüber der Umwelt.


Man könnte jetzt glauben, in den Fängen der Sinne zu verharren bedeute Einsamkeit und Traurigkeit, doch ist hier eher der letzte Zufluchtsort des eigenen Daseins zu erkennen, eine Eremitage, ein Ort der Ruhe und der Beschaulichkeit.


Dort gilt die Regel, alles ist erlaubt, alles darf sein, frei nach dem Motto:


Die Gedanken sind frei
wer kann sie erraten?
Sie fliegen vorbei
wie nächtliche Schatten.
Kein Mensch kann sie wissen,
kein Jäger erschießen
mit Pulver und Blei:
Die Gedanken sind frei!


Bild und Text : W.L.

.....997/2 Turbo S Cabrio


Gruß
Wolfgang




Man muss die Tatsachen kennen, bevor man sie verdrehen kann.
Mark Twain

Porsche: (noch) kein Porsche