Die geballte Kompetenz

...oder wie ich die Achsen vermessen lies.


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Die Geschichte fing an einem frühwinterlichen Samstag an. Ich war heiß auf einen 944. Am Morgen einen Einser angeguckt, danach einen S2. Den nächsten Samstag stand ich wieder vor dem S2, ich stand auch unter ihm, dahinter und gebückt daneben. Die Reifen sahen noch ganz fahrbar aus, aber nur auf den ersten Blick. Ich habe halt nicht so genau geguckt.


So fuhr ich an Wochenenden und an Wochentagen, dorthin und von da her. Bis ich einmal auf einer nassen, weitgezogenen, sich stetig verengenden Kurve einer Autobahnauffahrt merkte, wie gut das Transaxle-Konzept doch eigentlich ist. Auf allen Vieren glitschte ich aus der Kurve, fing den Wagen aber gleich wieder auf.


Am nächsten Parkplatz eines Baumarkts testete ich den Grip mit ein Paar Donuts aus und musste feststellen, dass die Hinterräder konisch waren. Außen Traktor, innen Slicks, fast schon Bürste. Oje, Achsvermessung musste her.


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Gewiss zog diese Erkenntniss eine Recherche nach sich. So sagte das Handbuch, dass bei der Einstellung der Achsen das Fahrzeug vollgetankt sein muss. Damals noch für 2/3 des heutigen Preises vollgetankt und das Gewicht abgecheckt:


„Mal sehen, was ist im Kofferraum? Reserverad, Bordwerkzeug und andere Leergewicht-Komponenten. Was ist über dem Gewicht? Zusätzliches Werkzeug ca. 5-10 Kilo, zusätzliche Flüssigkeiten ca. 5-10 Kilo und der Rest. Mit Benzindichte faktorisiert, ergibt das eine Runde quer durch die Stadt egal wohin, damit das Gewicht wieder stimmt.“ Also erstmal auf eine abgelegene Strasse, die Reifen burnen. Als geeigneter Ort erwies sich der Kreisel gegenüber dem Mercedes-Kundencenter, daneben ein selten genutzes Tor zu MB-Werk, ruhige Gegend.


Nach einer Runde fürs Handyvideo fiel mir plötzlich ein, dass ich keine Sperre habe. Ich konnte ja nicht gegen die Richtung im Kreisel fahren, um das andere Rad auch abzuschleifen. Somit war die Runde durch die Stadt, egal wohin, vorbei, und es ging zum Reifenladen.


Auf dem Weg dorthin überlegte ich, dass es doch der beste Zeitpunkt wäre, den Stand der ABS-Technik der End-80er zu prüfen. Gedacht, getan. (Ich muss mal die Sensoren vom Bremsstaub befreien.) Jetzt musste man auch das Fehlen von ASR, ESP und sonstigem Mist ausnutzen. In den Augen der Passanten sah ich mein Spiegelbild eines peinlichen Proleten mit quitschenden Reifen. Aber egal, Beschleunigung pur, und komm mir bloss keiner mit dem Spruch, ein umgeworfenes Dixi-Klo wäre schneller zu schieben.


„Moin“, sagte ich reflexhaft in die Reifenbude reinkommend.
„Moin“, folgte der Rereflex des Anfangvierzigers im weißen Hemd.
„Brauche Reifen und so, nee...“
„Sicher! Was möchst´n haben?“
„Spur, Sturz einstellen und neuen Satz... äh zuest den Satz“, sagte ich jungfreulich.
„Na klar, was meinst du denn...“


Ich schob den Schein über die Theke. Der Pneumist durchstreifte mit seinem Blick die bekannte Landschaft nach einem Porsche und verkündete:


„Müssen wir bestellen. Macht ca. sechs Scheine.“
„Wann isses da?“
„Nächste Woche.“
„Was kost´n Spur Sturz?“
„Dat heißt Achsvermessung. Kostet 70€, wenn´s mehr wird, sagen wir bescheid.“


Na gut, dachte ich mir, wenn´s nicht in die Nähe von PZ´s 300€ kommt, ist mir das recht.


„Das wird dann der Meister machen. Auto musst dann hier lassen“, fügte der Herr der Reifen hinzu, was sich ja zunächst ganz positiv anhörte.


Die Rückfahrt beschloss ich ruhig anzugehen, waren ja noch ein paar Tage hin.


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Die Woche darauf stellte ich den Porsche abends vor dem Reifenladen ab, um ihn am nächsten Morgen zu übergeben und bei strömendem Regen mit dem Motorrad zur Arbeit zu fahren.


„Kannst dann heute abend abholen, wir machen um sechs dicht“, erklärte man mir.


Auto- und Felgenschlüssel abgegeben und ab ins kalte Nass.


Am Abend war ich schon gespannt darauf, wie sich der Fahrwerks-Reset anfühlt. Es hat nicht mehr geregnet. Die Stimmung vermieste nun ein Häufchen Teile, die nach meinem Porsche aussahen: ein halber Felgenschlüssel und die Schlösser in Einzelteilen.


„Das musst du mit dem Chef klären“, war die Kernaussage eines kurzen Dialogs mit dem Lehrling, dessen Feierabendstimmung nichts an ihn heran lies.


Ein Geselle kam herbei und gab mit das Protokoll der Achsvermessung und die Rechnung. Das Protokoll beinhaltete Istwerte vor und nach der Vermessung, Sollwerte und Toleranzen. Das machte mich sofort neugierig. An allen Rädern gabs vorher einen nicht uerheblichen negativen Sturz, das erklärte auch die ungleichmäßige Abnutzung der Reifen. Neue Werte der Vorderachse wahren wohl in Ordnung, zu der Hinterachse lautete mein Kommentar:


"Hier ist doch nichts gemacht worden..."
"Wie nichts gemacht? Lass mal sehen", der Geselle schaute kurz ins Protokoll und meinte: "Ach ja..., da lässt sich an der Hinterachse nichts einstellen."
"Wie, echt jetzt?" Ich lies diese Aussage zunächst mal gelten, obwohl ich das nicht so recht glauben konnte.
"Ja, das hat der Meister gemacht." lies der Geselle seine Loyalität verspüren.
"Und was ist mit den Schlössern? Die habt ihr ja alle kaputt gemacht."
"Da kann ich nichts zu sagen, am besten du kommst morgen früh und klärst das mit dem Kaufmann."


Oder wie das bei Ditsche so schön heißt, "Halt die Klappe, ich hab Feierabend", ging mir durch den Kopf.


Ich bezahlte die Rechnung und fuhr nach Hause. Ich glaubte immer noch nicht, dass die Hinterachse nicht einzustellen ist. Zuhause angekommen schlug ich sofort mein schlaues Buch auf. Ha! Am Ar... du Wi....r! Ist zwar ungewöhliche Technik, aber hier stehts Schwarz auf Weiß - Spur, Sturz! Ich verglich noch die Einstellwerte auf dem Protokoll und machte eine Kopie der Herstellerbeschreibung. Dann überlegte ich mir verbale Schachzüge für den Morgen.


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Früh am Morgen habe ich die Reifenpfeife wie versprochen angetroffen.


"Was ist das denn, wieso machen Sie meine Felgeschlösser kaputt?" knallte ich nach der förmlichen Begrüßung dem Weißhemd auf den Kopf.
"Hee, da war nichts zu machen. Und irgendwie mussten die ja runter."
"Aber nicht so..."
"wir mussten das ja fertig kriegen, wir konnten Sie ja nicht mit diesen Reifen weiter Fahren lassen."
"Sehen Sie," ich schob die Schlosshülse auf die Mutter und zog sie mit Anstrengung wieder ab, "das geht ja so schon schwer. Ich hab sie immer mit einem Schraubenzieher ausgehebelt. Und was machen Sie? Haben Sie´s etwa versucht mit dem Schlüssel abzuziehen?"
"Ähm, die waren doch sowieso kaputt", die Ausrede vom Gummimacker war nicht unbegründet, "die Schlösser waren nicht an den Hülsen dran.“
"Ey, das gehört so," ich glaubte tatsächlich zu wissen, dass es sich so gehört, "schade, dass ich die Betriebsanleitung nicht dabei hab, dort steht´s klar und deutlich: Schlüssel um 30° drehen, Schloss abnehmen, Hülse abziehen. Ich bring sie das nächste mal mit und zeig´ es Ihnen."


Auch wenn es falsch war, so hatte es trotzdem funktioniert, und die Schlösser hatten wirklich verschlossen.


"Ja, das kriegen wir schon geregelt, Sie kriegen dann unsere mit Nachlass", der Verkäufer versuchte zu schlichten.
"Und was ist das für´n Schei8? Hier wurde ja nichts gemacht!" Ich fuhr fort mit dem Frontalangriff und klatschte das Vermessungsprotokoll auf die Theke.
"Hey..."
"Wasn das fürn Laden?" ich unterbrach den Verkäufer bevor er etwas sagen konnte.
"Was fürn Laden? Wir sind hier vom Fach", so oder so ählich began der Fachmann aus der Abwehrstellung in den Gegenangriff zu wechseln. Seine Stimme hob sich: "Jetzt mach mal halblang, wir haben unseren Job erledigt, du hast bezahlt, Schlösser kriegst du. Was ist hier los, ey!?"
"Sie haben doch gesehen, wie die Reifen aussahen! Und dann machen Sie nichts? Soll ich mit den neuen Reifen weiter so fahren, und dann haben sie nur noch ein Drittel der Laufleistung?" ich lies meinen Kummer raus.
"Bla, bla ich bin vom Fach, bla", seine händefuchtelnden Argumente hatte ich ausgeblendet.
"Ok, ok, ich hör jetzt auf damit, lassen Sie uns mal ruhig bleiben", ich versuchte das Niveau nicht absinken zu lassen.


Ich erklärte ihm das Protokoll und wies ihn auf die unvollständige Arbeit hin.


"Ja, das müssen wir nochmal mit dem Meister beschnacken. Sie müssen dann vielleicht noch 50€ zahlen, auch wenn´s länger dauert."
"50€ und auf keinen Fall mehr?"
"Ja."
"Und was ist mit den Schlössern?" hackte ich nach.
"Das kriegen wir schon geregelt."


Ok, der Fuffi ginge in Ordnung, wenn alles ornungsgemäß erledigt wird, bliebt´s weit unter PZ.


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Am nächsten Morgen verzichtete ich auf das Volltanken, es war genau so viel weg, wie das Auto Übergewicht hatte. Dennoch checkte ich den Reifendruck, damit die Vollpfosten nicht womöglich aufgrung eines messbaren Fehlers falsche Einstellungen machen. Und es sollte sich bestätigen, sie waren Vollpfosten und sie haben falschen Druck reingemacht, und zwar in alle Reifen. Sogar unterschiedliche Drücke auf gleicher Achse! Irgendwie hat mich das nicht mehr geschockt. Und ich schrieb noch den Kilometerstand auf, nicht dass die noch mit dem Porsche rumheizen.


Am selben Morgen sollte ich den Meister erwischen. Er war am Vortag unterwegs und wusste noch nichts von seinem Glück. Am Verkäuferaquarium vorbei steuerte ich direkt in die Werkstatt.


"Moin, ich such´ den Meister."
"Gesucht, gefunden, Moin," sagte ein enddreißiger, einen kleinen Tick über-ideal-gewichtiger Blaumann morgenmufflig.
"Sie sind der Meister?" ich wollte sicher gehen.
"Ja, was gibt´s?"
"Haben Sie den Porsche gemacht?"
"Ja, war ein bisschen was anderes."
"Wieso haben Sie denn nichts an der Hinterachse eingestellt?"
"Das ist ´ne Starrachse, da gibts nichts einzustellen." Er hat tatsächlich 'Starrachse' gesagt. Eine Starrachse mit Stabi also, hmmm.
"Wie denn? Aber Sie haben doch gesehen, wie die Reifen abgenutzt waren? Kann man das denn gar nicht richten?" ich stellte mich dumm.
"Wie gesagt, da gibt´s nichts einzustellen, Starrachse eben."
"Aber das ist doch ein Sportwagen, das kann ich mir ja gar nicht vorstellen..." ich versuchte den Ratlosen zu spielen.
"Da geht nichts."
"Wirklich? Aber..."
"Hee, da ist nichts!" der Meister war sichtlich genervt.
"Sind Sie sicher? Sie sind ein Meister, wenn Sie es nicht wissen..."
"Ich weiß es..."
"Und wenn ich jetzt zum Anderen fahre, und der sagt mir, das kann man einstellen. Dann darf ich wieder Hundert Euro bezahlen!"
"Fahr hin, er wird dir dasselbe sagen." Der Meister hatte die Schnauze voll von mir.


Meine Hand zückte in die Hosentasche nach dem Ausdruck aus dem Handbuch.


"Ok, bevor es jetzt zu peinlich wird", den konnte ich mir nicht verkneifen, "hier, Spur, Sturz", ich stocherte mir dem Finger aufs Papier.


Er überflog das Papier und nuschelte "Spur", "Sturz", "Hinterachse" und so´ne Sachen in seinen nicht vorhanden Bart hinein.


"Ok, wenn´s so ist, lass ich mich gerne etwas Besseren belehren", der Meister war meisterlich fair. "Ich muss mal in der Zentrale anrufen und dort nachfragen."


Die haben eine Zentrale, wo sie nachfragen können! Das wäre auch höchste Zeit!


"Soll ich den Ausdruck hier lassen?" fragte ich vorsichtshalber nach.
"Brauchst du nicht..., aber kannst ja im Auto liegen lassen."
"Und Reifendruck war auch falsch", fügte ich ungezwungen hinzu.
"Wie, hat er den falschen Druck reingemacht?" ein Geselle gesellte sich dazu, mit 'er' meinte er den Lehrling.
"Ja, alle Reifen falsch! Könnt ihr nicht mal nachgucken, was reingehört? Das steht auf dem Tankdeckel, wie bei jedem anderen Auto auch", ich musste sie auch noch belehren.


Der Geselle schaute in seinem schlauen Werkstattcomputer nach.


"Tatsächlich, der fährt auf Vollast", er meinte die drei Bar auf der Hinterachse.


Wir gingen mit dem Meister noch ins Aquarium und bestätigten, dass für den Fuffi alles tip top gemacht wird. Einen musste ich noch rauslassen:
"Aber dann so wie es sich gehört, auf Mitte Toleranz, und Vorder- und Hinterachse hundertprozentig aufeinander abgestimmt!"
"Aber selbstverständlich!" lautete die selbstverständliche Antwort.


-6-


Am Abend fand ich den verschwitzten Meister vor. Jammernd erzählte er, wie lang das alles doch gedauert hat, und dass die Schrauben schwer zu lösen waren, und dass ich mit den 50€ gut weggekommen bin, und dass er damit den ganzen Tag verbracht hat. Na Glückwunsch, Meister!


Ich kriegte noch deren billige Felgenmuttern mit der mechanischen Codierung geschenkt und die aufgesammelten Überreste der Originalschlösser im Firmenbeutel. Zum Schluss noch ein aufgezogenes Lächeln und ´nen schönen Feierabend.


Das neu eingestellte Fahrwerk konnte ich sofort spüren. Der Wagen stand besser auf den Beinen und hatte einen perfekten Geradeauslauf.


-Epilog-


Unterm Strich habe ich ein Bisschen Geld gespart, für das ich mir vielleicht irgendwann Original Felgenschlösser kaufen werde. Und ich hab die eigene Einstellung bestätigt bekommen, alles selber zu machen. Und die "Fachmänner" haben auch ihre Lektion gelernt.


Aber vielleicht gehe ich beim nächsten Mal wieder dort hin, zu dem Laden der Kette, die nicht "Asialehrling" heißt, sondern anders. Die wissen ja jetzt, wie es geht.


Gruß
Andreas



Anhang 1: Pfusch
Anhang 2: Richtig eingestellt

944 S2, 1989
Am Anfang schuf Gott die Mittellinie.

Porsche: (noch) kein Porsche