Überholprestige

Ins benachbarte Großstädtchen zu fahren, dauert kaum mehr als eine Dreiviertelstunde und führt, wenn man es denn möchte, auch über die Autobahn. Gestern war dieser Weg einmal wieder fällig.
Das Wetter war eigentlich dem Cabrio angemessen, aber doch noch etwas zu kalt zum Offenfahren. So blieb die Kiste denn geschlossen und der Kopf warm.


Gemütlich ging es dann mit etwa 120 km/h über die Autobahn, bei einem Durchschnittsverbrauch von 9,1 L und in völliger Entspannung
Leise brabbelnd und mit kaum mehr als 3000 Umdrehungen seitens der Kurbelwelle ließ es sich durchaus auch genüsslich fahren, obwohl sich irgendwann doch die Langeweile breit machte und der rechte Gasfuß etwas unruhig wurde.


Da er aber wegen der eingeschalteten Speed-Kontrolle gerade nichts zu tun hatte, blieb auch er ganz locker und freute sich auf bessere Zeiten.
Es scheint ein etwas anormales Verhalten eines 911er-Fahrers zu sein, mit lächerlichen 120 oder auch weniger km/h die Autobahn zu frequentieren, wird er doch allgemein meistens nur kurz von hinten gesehen.


Eine nicht ganz neue Erfahrung konnte ich dennoch wieder einmal machen. Sobald ein Porsche gemütlich hinter einem LKW herfährt, wird ihm bereitwillig - und das ist kein Einzelfall - Platz gemacht.
Ein Verhalten, auf das ich als gelegentlicher Hinter-dem-Stern-Lenker nicht hoffen darf, ganz im Gegenteil, in so einer Situation ist Kampf angesagt.


Mit 150 PS lässt sich zwar auch einiges Anstellen, aber der böse Nachbar, in diesem Fall der Linke-Spur-Audi denkt gar nicht daran, mir die Möglichkeit des Einscherens nach links zu geben.
So wird im Unterschied zum Porsche der Wechsel auf die linke Spur zum russischen Roulett, auf das sich die vielen Audis, BMWs und Co. gerne einlassen und mir mit starren Blick nach vorne zeigen, dass es sie nicht im Geringsten interessiert, wenn ich im Qualm der LKW-Abgase langsam die Besinnung verliere.


Wie gerne säße ich dann manchmal im Porsche und würde dieses Problem, welches sich wie oben gesagt meistens alleine regelt, mit einem kurzen Stoß auf das Gaspedal für mich positiv ausgehen lassen, eh der ‚Gegner’ überhaupt gemerkt hat, das es vor ihm noch ein freies Plätzchen gab.


Hier liegt ganz klar einer der Vorteile eines Autos aus dem Hause Porsche offen auf der Hand.
Mit ihm muss nicht gebettelt oder auf die große Geste gewartet werden, mit ihm darf man Fahren und vielleicht freut sich der Gönner auch darüber, sozusagen von Stoßstange zu Stoßstange ein paar Gedanken auszutauschen, warum denn nicht ER der Fahrer des Autos vor ihm ist.


Die Rückansicht des Porsche, in diesem Fall des 997, ist schließlich nicht nur für uns Fahrer desselben mit weiblichen Attitüden belegt und es lässt sich somit verstehen, warum bereitwillig Platz gemacht wird.
Es ist doch immer wieder erstaunlich, wie uns das ein wenig anders geformte Blech, welches sich aus dem stilistischen Einerlei der Masse Auto heraushebt, als Fahrer aus der Außensicht verändert und uns in die bekannten Kategorien Geld, Arroganz und Schnellfahrer einsortiert.


Mit dem Mercedes zerfließe ich in der Masse der Autofahrer, ohne tatsächlich wahrgenommen zu werden, bestenfalls als Gegner.
Der Porsche, inzwischen zwar kein Exot mehr auf deutschen Straßen, weckt Begehrlichkeiten, Interesse oder vielleicht auch Bewunderung. Sein Fahrer wird beneidet, sicher nicht von Jedem, aber er wird wahrgenommen.


Nicht jedem von uns ist es angenehm, ständig begutachtet zu werden, aber schließlich haben wir uns entschieden, den Porsche zu fahren, aber wohl weniger, um gesehen zu werden, sondern um seinen Leidenschaften zu frönen.
Und so ist es manchmal durchaus angenehm, zuvorkommend behandelt zu werden und sei es auf der A31 auf dem Weg nach Osnabrück hinter einem qualmenden LKW aus Polen.


Andererseits ist diese Großzügigkeit eigentlich gar nicht von Nöten, weil wir ohnehin am längeren Gasfuß sitzen.
Doch werden sich dann die 9,1 L /100 km nicht mehr so einfach realisieren lassen und ein wenig Umweltschutzbeitrag kann ja auch nicht schaden.


Danke liebe Audi/BMW/Mercedes-Fahrer. :thumb:



Text: W.L., Bild: Internet

.....997/2 Turbo S Cabrio


Gruß
Wolfgang




Man muss die Tatsachen kennen, bevor man sie verdrehen kann.
Mark Twain

Porsche: (noch) kein Porsche