Im Reich der Sinne

Es ist Montag, der 21. März 2011 und offizieller Frühlingsanfang in good old Germany. Der Forecast ist prima, die Sonne scheint und die Temperaturen klettern, doch was ist das? Gegen Mittag trübt sich der Norden ein, die Temperaturen stimmen, aber das Licht ist grau...


Vorgeschichte:


Anno 1995 wurde unser erster Porsche gebaut, etwas später erworben und zigtausende Kilometer danach unter einem weinenden Auge meiner heutigen Göttergattin und Mutter unserer wundervollen Kids verkauft. Ein schwarzes 993 Coupe, SD, Volleder, Heckwischer, 17 Zoll Cup, Grünkeil und Blaupunkt CD - in 2003 trennten sich unsere leidenschaftlichen Wege nachwuchsbedingt (an die Chatter unter "Wann ist der beste Zeitpunkt, einen XXX zu kaufen" -> IMMER! - oder "Wann ist der beste Zeitpunkt, einen guten 993 zu verkaufen?" -> NIE!) , diverse gut motorisierte Pampersbomber und Company Cars folgten, das Fieber ging nie. Es wurde offen Saab gefahren (oder besser gesagt geschaukelt) und wir hatten Spaß am Fahren, doch die Sehnsucht starb nie.


Anno 2011, nach 8 porschelosen Jahren, kam der 997 VFL Cabrio vor die Tür und der Frühling nahte, aber das Licht ist grau...


Es ist Dienstag, 22. März 2011, ein Tag nach Frühlingsbeginn, ich sitze über endlosen PowerPoint-Präsentationen im office, denke irritiert über Lybien und Japan nach und der Blick fällt auf das 356er Modell auf meinem ökonomischen, aber unattraktiven Großkonzernschreibtisch. Die Sonne scheint, es ist um die 14 Grad in Hamburg und mein Hirn schreit "Time to leave". Um 16hundert wird das (nette) dieselgetriebene Company-Car gestartet, das Heim angesteuert, der Anzug fliegt in die Ecke, ich flutsche in die Jeans und auf das edle Cocoa. Um 17hundert halte ich mit betriebswarmer Maschine auf einem einsamen Waldparkplatz in Schleswig Holstein, zieh die Juppe über, Schal um, Mütze auf und öffne das Dach.


In den knapp 2 Stunden danach hole ich 8 Jahre nach, enge Landstraßen, kleine Winkel, der Geruch von Natur, frisch gepflügter Erde, Gülle, Wald und Laub aus dem letzten Jahr komponiert und arrangiert mit dem Klang des Porsche, gewürzt vom messerscharfen Fahrverhalten, Ihr könnt es Leidenschaft, Spinnerei, Fieber oder ökonomischen Wahnsinn nennen - ich nenne es (nein, nicht Freude am Fahren....) schlicht unbeschreiblich, nicht in Worte zu fassen.


Als ich den Wagen in der späten Dämmerung abstelle, knistert er, genauso, wie es der seelige 993 immer gemacht hat. Ich hole mir ein Bier, hocke mich auf die Terrasse und glotze ihn an, gehe die Strecke und die erfahrenen Eindrücke in Gedanken nochmal durch und sinniere vor mich hin. Ich vergaß zu erwähnen, daß mich direkt nach der Ankunft mein 3jähriger gefragt hat, ob ich die "Klabbe" (kleiner Hamburger) offen hatte und die Große nur mein Rundumgrinsen mit einem "Na, Pabba, haste Spaß gehabt?" kommentierte.


Mit knapp Mitte 40 würde man es in einer Töpferrunde eventuell als "Midlife-Crisis" identifizieren, weise Mitmenschen mit unserem Fieber wohl eher als "Endlich angekommen". Tage wie dieser, unterwegs im Reich der Sinne, sind die Tage, die uns weder Naturkatastrophen noch sinnlose politische Ereignisse aus dem Hirn drängen können. Sie sind eingebrannt für die Ewigkeit und trotzen jeder Diskussion über E10, Sinnhaftigkeit, Fahrverhalten von Porschefahrern etc. p.p. Man muss es erleben und dankbar sein, daß wir die Möglichkeit haben, uns im Reich der Sinne zu bewegen.


Ich wünsche uns allen eine allzeit knitterfreie Fahrt!


Tom


P.S. 26.02.2012


Als Ganzjahresfahrer ging heute seit 12 Wochen zum ersten Mal wieder das Dach auf. Nach einer genialen Fahrradrunde mit dem Töchterchen um den Flughafen HAM haben wir beide uns "richtig" eingepackt und eine "erweiterte" Runde offen / offen gedreht. Seit Stunden breites Grinsen...

997 vFL Cabrio, schwarz, cocoa, schlicht und mit Klappe.