Die unglaubliche Geschichte eines 356er US Imports

geschrieben von GmeinerRalph (überarbeitet von W.L.)


DIE VORGESCHICHTE


Es war ein lauer sonniger Frühsommerabend und bei einem oder zwei Bieren, lauter Rockmusik, lauter amerikanischer Rockmusik und diversen Schraubergesprächen über PS, Kurbel- und Nockenwellen und insbesondere diversen klassischen Automobilen, fassten mein bester Freund und ich einen folgenschweren Entschluss.


Bei uns in Europa sind amerikanische Klassiker und Muscle oder Pony Cars ja nicht gerade billig in der Anschaffung und so entschlossen wir uns, zwei Wochen Urlaub in Southern California zu machen, um uns dort, wenn es gerade oder hoffentlich passt, einen heißen V 8 Motor und natürlich den Rest des Autos mitzunehmen und hier in good old Europe diesem Auto, welches auch immer es werden sollte, ein neues Leben einzuhauchen.


AMERIKA!


Nun, der Flug verlief unspektakulär, aber wir staunten nicht schlecht, als wir uns das erste Mal in den Staaten befanden. Unglaublich breite Straßen, lange unendlich scheinende Highways, faszinierende Küstenstrassen, unweigerlich riesige pulsierende Städte, die niemals schlafen und den ureigenen faszinierenden amerikanischen Charme versprühen.


So eingestellt auf dieses Flair, hatten wir uns auch auf eine engere Auswahl von Autos geeinigt, welche wir hier finden wollten. Dodge Charger (am besten mit 426 Hemi Motor), Pontiac GTO oder ein klassischer Ford Mustang. Wobei ich den Dodge und mein Freund Peter den Mustang favorisierte.
Doch wir hatten keinerlei Stress was dieses Thema betraf, wir hatten eher Stress im Bereich amerikanisches Bier, denn was bei uns noch als Leitungswasser durchgeht wird dort zu Lande als Alkohol verkauft.( aber das ist ein ganz anderes Thema).


Wir machten uns also auf die Suche rund um und auch in Los Angeles. Wir klapperten Gebrauchtwagenhändler ab, einen nach den anderen. Sehr schnell wurde uns klar, dass das was man sucht, hier drüben ohne ordentliche Planung bzw. Hilfe von einem Ortsansässigen eigentlich schwer zu finden ist und was hier angeboten wurde war meist unter aller Sau.


Ziemlich deprimiert zogen wir uns nach mittlerweile einer Woche in eine Kneipe zurück, die ein halbwegs anständiges Bier hatten, schließlich kamen wir mit dem Barkeeper ins Gespräch, dem wir unser Problem schilderten ( im aufmerksamen, interessiert wirkendem Zuhören kriegt der von mir eine EINS). Denn er tat zwar so, als ob er alles verstanden hätte, aber unser Englisch war anscheinend doch nicht so gut, dass er uns irgendwie weiterhelfen konnte.


Schließlich entschieden wir uns nächsten Tag einfach mit unserem brandneuen Lincoln Towncar durch die Gegend zu Cruisen und einfach die Dinge geschehen zu lassen.
Nun, das war wie sich hinterher herausstellte, gar keine schlechte Idee.
Aufgrund des Tipps eines Tankwartes fanden wir auch etwas, genauer gesagt war es ein riesiger Autofriedhof, auf dem alles vor sich hinzurosten schien, was sich jemals traute, in Amerika vom Band zu rollen, alles in mehr oder minder gutem Zustand, aber eben wie soll man sagen : ausgelutscht!
Wir schlenderten mit leichtem Kopfweh aufgrund der Hitze durch die langen Reihen der Autos.


Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt?!


Schließlich entdecke ich hinter einem Dodge Daytona aus den 80ern etwas völlig anderes und doch vielleicht vielfach besseres, als wir je zu hoffen gewagt haben. Es war so amerikanisch wie Bockwürste mit Sauerkraut.


EIN 356 PORSCHE CABRIO


Wir sahen uns an. Wir wussten es. Wir dachten dasselbe. Scheiß auf amerikanische Autos (zumindest in diesem Moment)!
Wir wollten den Porsche! Natürlich seltsam, wir hatten diese lange Reise gemacht, um uns ein 356 B Cabrio zu kaufen.


Nun, das Auto war schwarz lackiert und wie sich später anhand der Fahrzeugpapiere herausstellen sollte, war das auch noch der Originallack. Die Ledersitze waren verschlissen, das Verdeck zerrissen, die Windschutzscheibe fehlte, aber ansonsten schien alles da zu sein in mehr oder minder gutem Zustand. Der Motor war verölt, sah aber auch noch ganz gut aus.


Wir suchten also den Besitzer dieser Schrottfarm, was gar nicht so leicht war, denn er wohnte in einem alten Schulbus auf dem Gelände und fügte sich nahtlos in die Umgebung ein, er tarnte sich sozusagen.
Wie auch immer. Nach langem Rufen kam er schließlich hervor, ein alter haarloser Kerl mit einer speckigen Baseballmütze und verwaschenen Jeans und einem Fastfood Bauch.


Nichts desto trotz, er war ein netter Kerl und irgendwie war er froh, ein Geschäft tätigen zu können, inklusive Transport zu einem Containerunternehmen (sollte angeblich eine günstige Form sein etwas nach Europa transportieren zu lassen) kamen wir auf einen Preis von 5000 Dollar, plus 1200 für den Transport nach Europa. Das schien uns eigentlich ein gutes Geschäft zu sein.
Nachdem wir sämtliche Formalitäten punkto Transport mit Zielhafen Hamburg erledigt hatten, und nebenbei einen guten Freund zuhause verständigt hatten, welcher uns mit einem Autotransporter in Hamburg abholen sollte, genossen wir noch Amerika, den Strand und das Meer, um eigentlich jeden Tag nervöser zu werden.


Fragen begannen uns zu quälen. Würde das Schiff rechtzeitig ankommen? Wie war es um den 356er wirklich bestellt? Warum hatten wir die Fahrgestell und Motornummer nicht geprüft? Und verdammt noch mal, warum waren wir aufgeregt wie die kleinen Kinder?
Wir hatten unseren Urlaub natürlich entsprechend verlängert, so ein Schifftransport dauert natürlich. Außerdem wollten wir sowieso noch ein paar Tage in Hamburg verbringen.


WIEDER IN EUROPA


Nun, als wir braungebrannt in Hamburg ankamen und uns mit der entsprechenden Reederei wegen unseres Containers in Verbindung setzten, sagten uns diese, unser Container wäre schon da, was uns zwar verwunderte, aber was soll’s! Wir suchten also den Container, um ihn voller Enthusiasmus zu öffnen.
Er war LEER!


Wir beschwerten uns sofort im Büro der Reederei. Stinkwütend über solch eine Schlamperei waren wir kurz davor, den Geschäftsführer zu würgen. Meine Augen waren blutunterlaufen als ich den Kerl packte und schrie: “Wo ist mein PORSCHE ? Verdammt noch mal!“
Mein Freund beruhigte mich.


Und nach schier endlos scheinenden Telefonaten bekam er (der oberwichtige Geschäftsführer) heraus, dass jemand die Nummer an den Containern, böswillig, durch ein Missgeschick – nun das war nicht mehr feststellbar, schon gar nicht über die Entfernung – vertauscht hatte. Unser Container sollte erst in zwei Wochen ankommen.


Trotzdem verärgert, aber etwas beruhigt beschlossen wir, die Zeit für Ersatzteilsuche zu verwenden. Immerhin wussten wir, dass ein neues Verdeck und eine Windschutzscheibe sowieso mindestens nötig waren.
Das Verdeck bekamen wir ohne große Probleme von der Firma Härtel in Nurtingen nagelneu nachgefertigt.
Mit der Windschutzscheibe war es da schon etwas komplizierter (Copyright Gmeiner Ralph Dooyoo). Doch schließlich fanden wir in Karlsruhe einen Händler, der so was gelagert hatte, immerhin noch aus Originalbeständen.


DER PORSCHE IST DA!


Schließlich war es soweit, unser Porsche war nach zwei weiteren langen qualvollen Wochen angekommen.
Der Heimtransport verlief glücklicherweise ohne Pannen.


DIE BESTANDSAUFNAHME


Bei unserem Porsche handelte es sich um eine 356 B Baujahr 1960, welcher laut Typenschein einen 1,6 Liter Motor mit 90 PS haben sollte.
In Wirklichkeit war ein 356er Carrera Motor aus einem späteren Modell mit 115 PS implantiert worden. Und unser Motor hatte auch noch einen Pleuellagerschaden, was sich beim ersten Start des Aggregates herausstellte.
Des Weiteren war der Lack eigentlich nicht so schön wie er sein sollte. Weiterhin war der vordere linke Kotflügel einmal sehr unprofessionell aufgrund eines Unfalles geschweißt worden.
Dafür waren die Chromteile in einem bemerkenswert guten Zustand.
Das Armaturenbrett sah auch noch sehr gut aus.


DIE RESTAURIERUNG


Wir entschieden uns, das Auto gesamt und professionell zu restaurieren.
So hieß es also Frame Off. Wir zerlegten das gesamte Auto und dokumentierten die Zehrlegungsarbeiten mit unserem Fotoapparat, um später wieder zu wissen, wo alles genau hingehört.
Alles wir alles aufgelegt hatten und unsere Doppelgarage einem Ersatzteillager der überfüllten Sorte glich, transportierten wir den Rahmen und sämtliche Blechteile zu einem Sandstrahlbetrieb.


Nach dem Sandstrahlen stellten sich ein paar zusätzliche Mängel, um nicht zu sagen tödliche Fehler heraus. Die Holme waren mit Beton ausgegossen und mit Unterboden schutzübermalt worden. So was kann man wirklich nicht brauchen. Des Weiteren war durch das Sandstrahlen die Bodenplatte so dünn geworden, dass man beinahe durchsehen konnte. Auch war der geschweißte linke Kotflügel eigentlich nicht einmal mehr Schrott.
Langsam wurde uns klar, warum der Porsche so billig war.
Denn wenn man alles was Schrott war von dem Auto abzog, blieb eigentlich nicht viel übrig.
Wir resignierten, aber nur vorübergehend.
Mit frischer Kraft ans Werk.


Wir setzten eine Anzeige in die Zeitung punkto Kotflügel, Bodenplatte und einem originalen Motor.
Wir warfen die Holme den Kotflügelrest und die Bodenplatte weg und machten uns an die Wiederaufbereitung des Carrera-Motors, welchen wir nach seiner Restaurierung äußerst gewinnbringend aufgrund seiner, sagen wir mal nicht gerade hohen Häufigkeit, verkaufen konnten. Mit dem Geld für den Carrera Motor bekamen wir einen originalen Super 90 Motor, sowie den Kotflügel und die Bodenplatte.


Die Innenaustattung ließen wir bei einem professionellen Betrieb wieder in Szene setzen.
Die Chromteile wurden ordentlich geputzt. Sämtliche Blechteile gekittet und in einen Guss zurückverwandelt, so dass unser Baby eine makellose Lackschicht bekommen konnte.
Während danach alles beim Lackierer lagerte, ließen wir es uns nicht nehmen, die Porscheembleme zu nehmen und zum Goldschmied zu tragen. Der staunte nicht schlecht als wir ihm sagten, dass er sie echt vergolden solle.


Nur wegen des Kotflügels meldete sich niemand und eigentlich mehr durch Zufall fand ich bei einem Motorradausflug mit meiner 54er Puch in einem Garten in Kärnten (Österreich) eine ziemlich verwahrloste Karosserie eines 356 B Coupes. Als ich an der Tür klingelte, öffnete eine alte Dame, die mir bei Kaffee und Kuchen erzählte, dass dies das Auto bzw. Rest davon, von ihrem seligen Mann war, welcher schon vor Jahren verstorben war und sie brachte es einfach nicht über das Herz, es verschrotten zu lassen, sie war also froh, diesen „Schrott“ loszuwerden.


Sie hat uns die Karosserie geschenkt ! Wir holten sie nächsten Tag ab und hatten eigentlich mehr als einen Kotflügel. Und bei genauerem hinsehen stellte sich heraus das die Karosserie eigentlich ein sehr gutes Restaurierungsobjekt darstellte. Also entschlossen wir uns, das Teil aufzuheben, um es später zum Leben zu erwecken.


Punkto Kotflügel waren wir also wieder am Anfang.
Wir entschlossen uns, das Teil von einer Spenglerfirma mit Übermassen anfertigen zu lassen. Und so kamen wir zum letzten fehlenden Teil, denn inzwischen waren wir schon ziemlich entnervt und das verhältnismäßig teure Kotflügelchen, kostete uns mittlerweile nur noch einen zaghaften Lacher.


Und nach unzähligen Schweißtropfen , Schweißarbeiten , Fluchen, Lackieren, Suchen, nochmaligem Fluchen, Bier trinken und Schrauben, war er fertig.


Wir kamen zu dem Schluss, nie mehr ein USA Import, denn um das Geld, das uns das gekostet hatte, hätten wir wahrscheinlich einen fertigen Einser gekriegt, aber wer zählt schon....


Doch da wir inzwischen bei diversen Rallyes schon einige Prämierungen einheimsen konnten, sind wir eigentlich doch ganz froh, dass wir es so gemacht hatten und nicht anders. Außerdem entschädigt das fertige Prunkstück doch für vieles und vielleicht wird es beim nächsten Urlaub ein Dodge Charger, doch das ist eine andere Geschichte,....


FAHREINDRÜCKE


Das schönste an einem 356 sind die Rundungen, wenn er fertig ist. Keine sichtbaren Übergänge, geschwungene süchtig machende Formen und diese ungemeine Sportlichkeit die er schon im Stand vermittelt.


Wenn der 356 erst einmal fertig ist, dann ist es ein absolut problemloses Auto. Einmal jährlich Ölwechsel, frische Zündkerzen, Ventile einstellen, fertig.


Erst einmal hinter dem Steuer Platz genommen und den Motor gestartet, ertönt das bekannte Geräusch eines luftgekühlten Boxers, zwar um einiges aggressiver als in einem Wolfsburger („Basisporsche“) aber dennoch vertraut und mit dem knarrenden Sound der Zuverlässigkeit.


Wenn man einmal auf der Straße ist, erstaunt es jedes Mal aufs Neue, alles funktioniert leicht, präzise und spontan.
Es sind nicht einzelne Teile oder der Motor oder die Aufhängung oder das Fahrwerk, welches als solches überzeugt, sondern es ist das Gesamtkonzept und genau an diesem Punkt bestätigt sich einmal mehr der Gedanke, dass dieses Auto mehr ist als aus einem Guss, es ist beinahe Magie, welche die einzelnen Komponenten zu einem gottesgleichen Meisterstück auf Rädern zu einem Kunstwerk gemacht hat.


Dieses Auto fährt nicht, es tanzt durch die Kurven mit der Power von Rock´n´Roll und der Grazie eines Walzers.
Besonders der Motor, der unglaublich willig am Gas hängt und immer nach mehr zu verlangen scheint, lässt einen alle Mühen vergessen.
Nebenbei haben wir den Motor mit Webervergasern bestückt, da bei den originalen Vergasern die Drosselklappen ausgeschlagen waren und da diese eingegossen sind, ist es sehr schwer, so was herzurichten.
Der Nebeneffekt, der Motor scheint subjektiv mehr PS zu haben und schneller hochzudrehen.


Das alles bedeutet: Das stimmige Gesamtkonzept führt auch dazu, dass man mit 90 PS 110 % Porsche kriegt, es ist die wunderbarste Art, einen veredelten Käfer über die Landstraße zu jagen!


Text: GmeinerRalph, Dooyoo.de
Bildquelle: Ein vergleichbarer 356er Mobile.de

.....997/2 Turbo S Cabrio


Gruß
Wolfgang




Man muss die Tatsachen kennen, bevor man sie verdrehen kann.
Mark Twain

Porsche: (noch) kein Porsche