Der GLAS 1204

Erinnerungen neigen dazu, geschönt im Kopf herumzugeistern. Noch auf dem Weg der Berufsfindung, ich hatte gerade mein technisches Abitur absolviert, war mit gerade einmal 21 Jahren ein neuer Lebensabschnitt eingeplant.
Nicht dass ich jetzt schon meine erste Stelle antreten sollte, das sollte noch einige Jahre dauern, nein, ich war es leid, mit meiner Velo-Solex durch die Landschaft zu schleichen.


Dieses zweirädrige hässliche kleine Fahrrad mit Hilfsmotor versagte mir schon an der ersten kleinen Steigung den Dienst und wie sollte ich mit einer in Aussicht stehenden ersten Liebschaft damit den Berg der Liebe erklimmen können?
Meine Freunde standen damals schon gut da, wenn sie mit ihrem Käfer, Renault oder Glas vor der Disco vorfahren konnten und man versteht, dass nichts peinlicher gewesen wäre, als das Gleiche mit einer Velo-Solex zu tun.


Abgesehen davon muss das Bild, das ich sitzend auf dem Zweirad abgeben konnte, 1,96 m groß und 75 kg schwer, schon eine Lachnummer für sich gewesen sein.
Die Zeit der Peinlichkeiten sollte endlich zu den Akten gelegt werden.
Ein Auto musste her.


Als angehender Student der Elektrotechnik und mit einem relativ großen Loch im Portemonnaie, woran sich bis heute auch nur wenig geändert hat, waren die Aussichten dazu allerdings mehr als dürftig.
Ich wohnte noch zuhause, natürlich aus Kostengründen, obwohl mein Bedarf an elterlicher Nähe inzwischen auch gedeckt war. Nichts gegen meine Eltern, aber irgendwie hätte mich die Abnabelung sicher erstmal das Auto gekostet, denn der kleine BAföG-Satz konnte nur unzureichend den Bedarf eines zukünftigen eigenständigen Lebens incl. eines Autos decken.


Auch der finanzielle Zuschuss meiner Eltern reichte gerade dazu, mich hier und da mit dem nötigsten Konsumgut zu versorgen und die so geliebte Currywurst zu genießen.
Wie ich mir dann aber ein Auto finanzieren sollte, blieb mir selbst ein Rätsel und es war nur machbar mit dem Wohlwollen meiner Eltern.
Leider hatten sie es gerade vorgezogen, ihren Urlaub weit entfernt im Süden Deutschlands zu verbringen, so dass es mir unmöglich war, schon einmal meinen Wunsch nach einem Auto anklingen zu lassen.


Mein damaliger Freund hatte es da einfacher. Schule, Lehre und so war der finanzielle Sprung zum Auto kürzer gewesen.
Er konnte einen Glas 1204 sein eigen nennen, ein auch damals schon seltenes und sportliches Auto.
Für mich war es klar, dieses Auto musste es sein. Wie der Zufall es wollte fand ich nach kurzer Zeit der Suche ein gut erhaltenes Exemplar des gleichen Typs 1204.


Ein entfernter Bekannter wollte ihn verkaufen und wie ich später feststellen sollte, lag der Grund dafür beim Auto selbst.
Der Kontakt war schnell hergestellt, eine Anzahlung geleistet und mittels Vertrag festgehalten, dass der Rest des Geldes nach spätestens 2 Wochen zu leisten sei.


Braungebrannt und guten Mutes standen kurz danach meine Eltern vor ihrer von einem unbekannten Auto blockierten Garage.
Der wie immer herzlichen Begrüßung wich aber schon Sekunden später ein ungläubiges Lächeln, als sie sahen, dass es sich um das Auto ihres Sohnes handelte.


Es kostete mich meine ganze noch im jugendlichen Alter stehende Überredungskunst, warum ein und überhaupt das Auto meine nicht mehr geliebte VeloSolex ersetzen sollte.
Mein Vater sah die Notwendigkeit ein, nicht ahnend, was da alles noch auf ihn zukommen sollte.
Die Hans Glas GmbH hatte zwar ein ansehnliches, aber leider sehr unzuverlässiges Auto auf die Autofahrer losgelassen.


Auch ein Grund dafür, dass die Firma bald den Laden schließen musste und von BMW kurzzeitig weitergeführt wurde.
In dem darauf folgenden Jahr habe ich dann meine Grundkenntnisse in Sachen Mechanik, Motormanagement und Schrauberqualitäten mit Erfolg abschließen können.


Ich kann jetzt nach so vielen Jahren nicht mehr genau sagen, ob dieses Auto mehr Zeit auf der Straße, oder mehr Zeit auseinander genommen in der Garage verbracht hat.
Der von Glas erstmals eingesetzte Zahnriemen aus Kunststoff entpuppte sich als innovativ aber nicht sehr langlebig. Die Steckachsen der Hinterachse neigten trotz der zarten 53 PS zum Abdrehen. Die Elektronik ging oft genug eigene (kurze) Wege, wobei ich als angehender Elektroingenieur da weniger Probleme sah.


Kurz und gut, mein Vater war ein äußerst verständiger, freundlicher Mensch, aber seine Gesichtszüge verdunkelten sich zusehends mit dem Stapel Rechnungen, die ich ihm nach und nach auf den Schreibtisch legen musste.
Die ärgsten Konflikte konnte ich nur dadurch abwehren, dass ich glaubhaft machen konnte, die Reparaturen doch immer selbst durchgeführt zu haben.


Ich selbst merkte aber auch, dass dieses Auto ein Groschengrab geworden war und inzwischen fast nur noch aus Neuteilen bestand, die auch nicht besser funktionierten, als ihre Vorgänger.


Ich erinnere mich an den Abend, wo mein Vater mir eröffnete, dass dieser Glas 1204 nicht als langfristiges Familienmitglied geeignet war.
Nicht nur mein Studium leide unter diesem Auto, sondern auch sein Geldbeutel.
Ich sah das ein und alsbald war ein Abnehmer gefunden, ein Autohaus am Orte.
Glücklicherweise sah die automobile Zukunft für mich mit diesem Tag gar nicht so schlecht aus, denn ein Ersatz war mit einer Ente 2CV4 mit sagenhaften 23 PS schnell gefunden und von meinem Vater bezahlt worden.


Ich war trotz der Trennung glücklich und habe in den folgenden Jahren noch oft genug am neuen Auto herumgeschraubt, aber er lief bestens und passte hervorragend zum Image eines Studenten.
Der Glas ist in meinen Gedanken fest verankert als ein Lehrmeister in Sachen Fahrzeugtechnik. Und alles was von ihm noch heute übrig ist, ist ein Tacho, den ich damals wegen Funktionsaufgabe auswechseln musste.


Der Glas 1204 hat mir aber trotz aller Probleme immer sehr viel Spaß gebracht und etwas wehmütig begegne ich ihm ab und zu auf den Oldtimertreffen.


Fast genau 40 Jahre ist das jetzt her, ich hoffe, er ist mir nicht mehr böse, dass ich ihn so schnell wieder verlassen habe.


Bild und Text: W.L.

.....997/2 Turbo S Cabrio


Gruß
Wolfgang



Ich weise darauf hin, dass ich nach bestem Wissen und Gewissen meine Weisheiten selbst gewusst habe.

Eventuelle Ähnlichkeiten mit anderen Weisheiten sind wissentlich unbewusst.