Beschleunigungsorgien

Urlaub ist wichtig.
Man döst so vor sich hin, mal anspruchsvoll, mal weniger. Entweder ist die Landschaft der Auslöser des Vergnügens, oder aber auch vielerlei andere Interessen führen uns in den Ort der Wahl, auf den wir uns das ganze Jahr über schon gefreut habe.


Unser Wohnmobil von Hymer hat uns diesmal nach Oberstdorf gebracht. Komfort + könnte man sagen. Alles drin, was das Herz begehrt: Mikrowelle, Spülmaschine, 3 Heizungen, sogar eine Fußbodenheizung. Platz satt, bei einer Länge von 8,33 m auch zu erwarten.
Nun bin ich selbst 1,96 m lang, ein Argument, das den Großteil der Massenware Wohnmobil von Anfang an links liegen ließ.
Na ja, meine Frau und ich, wir fühlen uns wohl darin.


Das Wetter war nicht immer reines Vergnügen, so gab es schon einmal drei Regentage hintereinander, was so manches andere Wohnmobil auf dem Platz zwangsweise einer Dichtigkeitsprüfung unterzog.
Regentage animieren zum Nachdenken, über Gott und die Welt, ach, das tut jeder. Oder aber über die zwei zurückgebliebenen Autos zuhause? Wohl weniger.


Nach zwei Wochen fange ich an zu überlegen, wem gebe ich zuerst den Zuschlag, wer ist mir von beiden eigentlich lieber, wer genießt mit mir die erste Ausfahrt?
Jetzt wird so mancher anfangen zu Grübeln, spinnt der jetzt, oder was?
Das Wohnmobil ist nicht gerade der Ausdruck an Fahrspaß und Beschleunigungsvermögen. Was soll man erwarten bei 35 kg/PS, es hat andere Qualitäten.
Ich denke da eher an muntere 4,3 kg/PS des 911er oder auch an die 10,6 kg/PS vom 356er, sind nicht zu verachten.


Es muss eine Stelle im Gehirn geben, die bei Beschleunigung in Richtung des Horizontes, oder sagen wir mal nach vorne, eine gewisse Sensibilität aufbaut, deren Folge nach Wiederholung drängt. Jetzt ist der Mensch selbst nicht gerade dafür konstruiert worden, Beschleunigungsorgien ohne Hilfe zu produzieren.


Hat eigentlich mal jemand ausgerechnet, welche Beschleunigung eine ordinäre Heuschrecke beim Sprung von A nach B oder umgekehrt erfährt?
Ich glaube, beim Vergleich zwischen Porsche und ihr von 0 auf 1 Sekunde, da wird sich die Heuschrecke kaputt lachen.


Na gut, wir kennen das, sie wird ihr Beschleunigungsvermögen nicht als außergewöhnlich empfinden. Und immer das, was man nicht hat oder kann, ist Ziel der Begierde. Lassen wir sie hüpfen.


Zurück zum verregneten Urlaub, gut, sagen wir zur Hälfte verregnet.
Die mitgebrachten Zeitschriften der Beschleunigungspresse sind bald gelesen und es erfreut dann doch, dass die 3,8 kg/PS mal wieder gegen die 3,9 kg/PS gewonnen haben.
Hand aufs Herz, der Tag geht in Ordnung, wenn der Bruder des besten Freundes zuhause der Konkurrenz mal wieder gezeigt hat, wo die Messlatte hängt. Die meisten Gegner wissen nicht mal, wo sie hängt.


Folglich führt die Lektüre erst unmerklich aber immer häufiger zu Mangelerscheinungen.
Das Essen, das Wetter, die Frau, der Platz, die Stimmung, alles ok. Aber ein Sensor im Kopf, ich sprach davon, sucht nach dem Sensor im Strecker des Fußgelenkes, der Befriedigung herstellen könnte.
Ach, jetzt wird mir klar, warum mich meine Frau nach dem Mittagsschläfchen vorm Wohnmobil immer fragt, was mein rechter Fuß denn kurz vor dem Remschlaf so unruhig für Zeichen setzt.


Dein Mann, das unbekannte Wesen. Ach, ich begründe das mit dem Restless-Legs-Syndrom, mit dem ich mich schon seit Jahren herumschlage.
Nun gut, auch die letzte Woche des Urlaubs geht zu Ende. Ich freue mich und meine Frau ebenso, denkt sie doch, der Urlaub hat mir viel Freude gemacht.
Ich behalte es für mich, es ist ja auch was dran. Der Akku hat wieder annähernd 95% erreicht. Die letzten 5% scheinen irreversibel zu sein, ok, mit 62?


Meine Freude hat sicher eher damit zutun, dass die Stimulation des Beschleunigungssensors zu wünschen übrig lässt.
Zwei Tage vergehen, viel Verkehr, Stau, LKWs, Baustellen wo soll das hinführen?
35 kg/PS sind gemütlich, animieren zur Einschaltung des Tempomates, wenn es denn mal möglich ist.


720 km liegen hinter uns, etwas kaputt sind wir, es ist 15.30 Uhr. Das Wichtigste wird schon mal ausgepackt, das Wohnmobil steht wieder auf seinem Winterschlafplatz im Carport.


Es nützt nichts, der Porsche steht im Wege und muss weg. Ach, dann kann ich ja mal eben schnell ein paar Sachen einkaufen. Meine Frau ist etwas verwundert über meine plötzliche Hilfsbereitschaft, ich halte eben viel von Mitarbeit im Haushalt.


Er springt problemlos an. Schönes Gefühl, denke ich. Verdeck herunter, frische Luft ist wichtig, ich denke an die 95%. Bis gleich, rufe ich meiner Frau zu, was soll ich überhaupt einkaufen? Mir fällt da schon was ein. Mein Gasfuß ist noch auf 35 kg/PS eingestellt.
Oh Schreck, vorsichtig, ich lasse es noch gemütlich laufen. So langsam kommt er auf Temperatur. Gas, es klickt im Kopf, der besagte Sensor hat seine Arbeit wieder aufgenommen.


Klappe auf, alle Fenster runter, ab geht die Post. Was für eine Beschleunigung, ach du meine Heuschrecke, ich hatte sie ganz vergessen.
180 km/h auf der Landstraße. Ein Irrer unterwegs, denkt sich die Vogelwelt.
Ich sehe es ein und vier Wochen ohne Führerschein haben Wunden hinterlassen. Also gemütlich weiter, ich genieße den Sound, den Wind, das Cruisen. Plötzlich stehe ich wieder vor der Haustür, wollte ich nicht einkaufen?


Meine Frau lacht, ich wusste es, dass du es vergisst. Aber morgen bestimmt, sage ich, da nehme ich mir den 356er, und ....
Ein schöner Urlaub war es, noch schöner aber die Vorfreude auf die beiden Zurückgebliebenen.
Porsche-Virus, du hast mich zurück.
35 kg/PS können einfach nicht gegen die 4,3 kg/PS gewinnen.
Sieg nach Punkten für den Porsche, egal welcher!


Bild 1 und Text: W.L.
Bild 2 : www.bilder-galerien.info

.....997/2 Turbo S Cabrio


Gruß
Wolfgang



Ich weise darauf hin, dass ich nach bestem Wissen und Gewissen meine Weisheiten selbst gewusst habe.

Eventuelle Ähnlichkeiten mit anderen Weisheiten sind wissentlich unbewusst.