Im Zentrum der 'Lust'

Nein, die Vermutung ist falsch.
Für uns Porschefahrer mag ein anderes Zentrum genauso bedeutsam sein, wie das fälschlicherweise vermutete.
Jeder von uns kennt es und oft genug dient es auch nur der Befriedigung des optischen oder leiblichen Genusses.
Das Porschezentrum.
Manches Mal zwingt uns die Unzulänglichkeit der Technik zu diesem Besuch.


Ein anderes Mal aber und das ist der unvergleichbar schönere Part, führt der Weg schnurstracks zum Verkaufsleiter des PZ’s, nachdem der zukünftige neue Porsche vorab in allen Einzelheiten verglichen, sortiert, eingeschätzt und aufgelistet wurde.
Die Konfiguration des Porsche hat uns vielleicht schon wochenlang beschäftigt und mit jedem weiteren Ausstattungsgimmick verließ ein weiterer Schein unseres geliebten Sparschweines das selbige. Aber wir bleiben stark.
Ein Mann ein Wort und … ein Porsche.


Im Forum wurde ausgiebig die Sinnhaftigkeit des Klappenauspuffes, die Sitzqualität des Gestühls oder die Vollständigkeit der Lederausstattung diskutiert.
Man(n) sieht sich in der Zuversicht, den richtigen Weg eingeschlagen zu haben.
Vielfach lässt die Umwelt zwar Zweifel daran aufkommen, ob denn unser Verstand noch ganz im Normbereich liegt, oder vielleicht doch leichte Veränderungen erfahren hat, die nicht mehr kalkulierbar sind.


Wir kennen das und finden hinreichende Begründungen dafür, genau das zu tun, was zu tun ist.
Doch es kamen auch Zweifel auf. Was alles noch hätten wir mit diesem Geld für uns oder unsere Familie arrangieren können.
Weltreisen, Schmuck, eine kleine Eigentumswohnung standen aber nicht zur Debatte?
Und außerdem, es ist entschieden, den Zuschlag bekommt das PZ oder besser gesagt die, die dieses Auto auf den unvernünftigen Mann losgelassen haben.


Diskussionen sind ab sofort ausgeschlossen. Nichts, aber auch gar nichts kann uns jetzt noch stoppen. Die Maschinerie wurde in Gang gesetzt und ist auch nicht mehr aufzuhalten.
Und was jetzt folgte, waren schlaflose Nächte in freudiger Erwartung des neuen Spielzeuges.
Die Tage vergehen, doch irgendwie langsamer als sonst.


Mehrfache Anrufe im PZ führen nicht weiter, mein Gegenüber hat Geduld mit mir. Vielleicht werden gerade jetzt die letzten Schrauben in Stuttgart eingeschraubt.
Dann plötzlich ist der Tag gekommen. Vor lauter Gedanken an die Vorfreude hätte ich ihn fast verpasst.
Anders als an den Tagen des Wartens betrete ich das PZ mit erhöhter Pulsfrequenz. Der freundliche Kundenberater bietet mir einen Kaffee an. In meiner momentanen Verfassung zwar nicht ganz passend, aber gerne nehme ich ihn an.


Ein Blick in den lichtdurchfluteten Verkaufsraum genügt und wir stehen uns erstmals gegenüber.
Makellos steht er da.
Es ist wie Weihnachten und Geburtstag zusammen, mit dem Unterschied, dass es eigentlich keinen äußeren Anlass gibt, mir jetzt eine Freude zu bereiten.


In vielen 911er hatte ich bereits Platz genommen, sie waren mir vertraut, aber doch fremd. Jetzt stellt sich etwas anderes ein, Stolz, Freude, Glück und das wohlige Gefühl, etwas Besonderes zu besitzen.
Wie oft hatte ich auf der Straße den Weg eines mir begegnenden 911er verfolgt und mir vorgestellt, wie es wohl sein könnte, ihn selbst zu besitzen.


Einige unvergessliche Probefahrten hatte ich hinter mir, aber das war jetzt eine ganz neue Erfahrung.
Jede Schraube sollte mir gehören, das Wohl und Weh des 911er war in meine Hand gelegt.


Alle Formalitäten waren schnell erledigt, die mitgebrachten Nummernschilder angebracht und das Auto auf den Hof gestellt.
Ich ließ ihn ein wenig warten, verabschiedete mich mit dem Wunsch, zumindest die Werkstatt so schnell nicht besuchen zu müssen.


Die ersten Meter im eigenen 911er. Ein unbeschreibliches Gefühl, das noch lange anhalten sollte.
Das PZ, ein eigentlich nüchterner Ort, aber doch Ausgangspunkt für eine ganz neue Erfahrung.
Zum Zentrum der Lust erhoben, zumindest dann, wenn die erste Begegnung mit dem neuen eigenen Porsche ansteht.
Ein unvergesslicher Moment, selten und kostbar.


Bild und Text : W.L.

.....997/2 Turbo S Cabrio


Gruß
Wolfgang




Man muss die Tatsachen kennen, bevor man sie verdrehen kann.
Mark Twain

Porsche: (noch) kein Porsche