Die Remise

Es mag Tage geben, da steht man sich selbst im Wege. Das eigene Wohlbefinden ist auf der nach unten offenen Richterscala bei Null angekommen.
Nichts ist ok, das Wetter spielt mal wieder seine miese Laune aus, der Spaß an der Arbeit scheint nur bei den Kollegen angekommen zu sein und zuhause liegen die Trümpfe in anderer Hand.
Gott sei Dank lässt sich die Zahl dieser Tage überschaubar einschränken.


Die Macht der Gedanken ist ungebrochen. Ein unauffälliges Grinsen macht sich breit.
Schön ist er geworden, unser Garten, hier ein Blumenbeet, dort eine Sitzecke und da hinten steht die Remise.
Fünf Wochen haben wir daran gearbeitet, der Nachbar und ich. Platz ist da, reichlich. Und dann kam irgendwann die Idee, unsere Autos brauchen ein angemessenes Ambiente.


Der Oldtimer des Nachbarn sollte in einem Schuppen verschwinden, Bauer Piepenbrock hatte da noch Platz. So ein schönes Auto zwischen Kartoffelsäcken und Strohballen und das Dach machte auch keinen guten Eindruck.
Nein, das wollte er ihm dann doch nicht antun. Unsere Altvorderen haben ein Recht auf ein angemessenes zuhause. Ich dachte da nicht anders.
Irgendwann trafen sich dann unsere Gedanken, beiläufig erzählte ich von meiner Absicht, hinten im Garten für meine Autos einen Platz zu schaffen.


Ich hatte da noch den 230CE, Baujahr 1989, erst 85.000km und bestens in Form.
Mein 356er hatte bislang in der Garage gestanden, womit meine Frau natürlich gar nicht glücklich war, denn ihr Auto musste darunter leiden.
Auch der 911er musste sich als wind- und wettergetestet beweisen. Für ein Cabrio ein hartes Los. Das ging also so nicht weiter.
Dann bauen wir uns einfach (hatte er ‚einfach‘ gesagt?) eine Remise für unsere vier Autos, sagte der Nachbar ganz beiläufig.
Das Stichwort war gefallen, eine Remise muss her. Hatten wir uns da vielleicht zuviel vorgenommen? Nein, stellte sich bald heraus, mein hoch motivierter Nachbar kannte sich aus. Statik, Größe, Äußeres waren bald abgesprochen und das schon vorgesägte Holz bestellt.
Zwei Wochen später lag ein riesiger Stapel schön anzusehendes Holz schon auf der bereits gepflasterten Grundfläche.


Was dann folgte waren 5 Wochen Knochenarbeit. Unsere Zusammenarbeit klappte hervorragend. Unsere handwerklichen Fähigkeiten wuchsen mit der Größe der Remise.
Probleme gab es keine, da sie durch reichlich Ideen schnell abgedeckt waren.
Ich erinnerte mich an mein erstes Studium, ingenieurmäßiges Arbeiten nannten wir das damals.


Jetzt schlug meine wahre Stunde, die Elektrik war dran. Reichlich Beleuchtung, reichlich Steckdosen und eine Alarmanlage gegen die bösen Buben waren bald installiert.
Der selbstkonstruierte Verschlussmechanismus der vier Türen war bildschön und hatte tresormäßige Ausmaße angenommen, wir waren zufrieden mit unserer Remise.


Und jetzt kam der Moment der Wahrheit. Unsere Autos sollten ihren Platz einnehmen. Das war natürlich nicht ohne ein bis zwei Glas Sekt zu machen.
Stolz waren sie, unsere Frauen. Auf UNS oder auf die Remise, dachte ich?


Gut, sie hatten ihren Teil dazu beigetragen, abwechselnd gab es Kaffee und Kuchen.
Auch wurde zwischendurch an Kommentaren nicht gespart, aber das war ok, wir kannten die Qualität unserer Arbeit und wollten den des Kaffees nicht aufs Spiel setzen.
Es mag Tage geben, da ist man stolz, auf sich und den Nachbarn und natürlich auf seine Autos, die jetzt endlich einen tollen Platz gefunden hatten.


Bild und Text : W.L.

.....997/2 Turbo S Cabrio


Gruß
Wolfgang




Man muss die Tatsachen kennen, bevor man sie verdrehen kann.
Mark Twain

Porsche: (noch) kein Porsche