Exoten

Exoten sind ‚in’.
Seien es die bunten Wasserbewohner, die der Nachbar in seinem Gartenteich züchtet, seien es die eigenwillig geformten Pflanzen auf des Nachbarn Fensterbank zur Rechten, sei es der 356er, der in der Remise des eigenen Gartens sein Rentenalter genießt, oder sei es der Bekannte ein paar Straßen weiter, dessen Kampfhund regelmäßig sein Revier lautstark zu verteidigen sucht.


Exoten zu besitzen macht Spaß. Auch des Nachbarns Praga, der mit meinem 356er friedlich die Remise teilt, gehört in diese Klassifikation.
Nichts wird mehr verwöhnt, als so ein Exot. Jede Schraube wird optimiert, jedes noch so versteckte Bauteil erfährt eine intensive Säuberungsaktion, Kontrolle und Begutachtung.


Unsere Autos stehen auf einer Kunststoffplane, optisch passend zum Outfit der Autos.
Abends werden sie mit den Pyjama zugedeckt, auch ein Auto will schließlich irgendwann seine Ruhe.
Der Chrom glänzt nicht nur, nein, es ist auch rein. Im Innenraum riecht es nach Lederfett und nach Sauberkeit.


Jeder Krümel auf dem Boden verunstaltet ihn und wird augenblicklich entfernt.
Auch das Putzen des Motors gehört in die Zeremonie einer Reinigungsaktion.
Das Öl soll seine inneren Werte verbessern, dient aber nicht der äußeren Verzierung.
Kurz und gut, große Teile der winterlichen Beschäftigungstherapie dienen der Optimierung seiner äußeren Erscheinung und natürlich seiner technischen Leistungsbereitschaft.


Doch leider finden wir immer wieder etwas, das der Verbesserung bedarf.
Die Kunststoffeinsätze der Kennzeichenbeleuchtung, die Gummidichtung an der rechten Tür zum Beispiel.
Nein, an unserem Mercedes wäre mir so ein Mangel überhaupt nicht aufgefallen, ist er doch erst 15 Jahre alt und muss sich die Würde des Alters erst erarbeiten.


Da bietet sich mir die Gelegenheit.
Der Nachbar, na, der mit dem Praga, hat sich für den Samstag etwas vorgenommen, ein Besuch der Bremen Klassik-Motor-Show. Ich schließe mich gerne an.
Das Wetter ist schäbig, eben wie gemacht für so einen Besuch.


Am Morgen um 8 Uhr ging es dann los. Wenig Verkehr, zwei Stunden Fahrt, Benzin geredet, PP gemacht, Kaffee getrunken.
Nach dem Zahlen des Obolus von 13 € verschlingen uns die Hallen der Motor-Show.
Gemütlich schlendern wir hindurch, Opel, Mercedes, Ford, beherrschen die Plätze. Einstmals Autos von Otto Normalverbraucher, sind sie heute in den Rang eines Exoten aufgestiegen.


Ich suche nach meinen Lieblingen, 911er der 70er und 80er Jahre, schön anzusehen.
Dann entdecke ich zwei 356er-Coupes. Nicht einmal ein Cabrio ist zu sehen. Schade, ich bin etwas enttäuscht.
Schön in Position gestellt und in einem sehr guten Zustand sind sie alle.
So direkt nebeneinander gestellt wirken sie gegenüber den etablierten Ford- und Opelmodellen klein und zierlich.
Irgendwie kaum zu glauben, dass sie damals 3-4-mal so teuer waren, wie diese.
Allerdings hat sich das bis heute nicht einmal geändert.


Die Zahl der Besucher steigt mit jeder Minute. Glücklicherweise kann ich die „Leuchtturm-Funktion“ übernehmen, einmal ein Vorteil meiner Länge von 1960 mm.
Ich bekomme einen Schreck. Da steht doch tatsächlich ein 550 Spyder?
Nach kurzer Zeit ist er umrundet. 550 Spyder? Nein, den kenne ich anders.
Schnell sind ein paar Fotos gemacht.
Ich bekomme heraus, dass es sich hierbei um einen so genannten Klöckner-Porsche handelt.
Eine eigenwillige Konstruktion eines Porschefans. Weiteres erfahre ich nicht.


Hier steht er jetzt, der Über-Exot. Eigenwillig, anders, irgendwo ein Porsche, irgendwo aber auch seiner Schönheit verlustig gegangen.
Ich denke an meinen 356er, was würde er zu dieser Konstruktion sagen …?
Die paar Ersatzteile sind schnell beschafft, auch zu exotischen Preisen,
Aber was macht man nicht alles dafür, seinem Exoten eine Freude zu machen.
Oldtimerfreunde sind schon immer Exoten gewesen, auch in ihrer Bereitschaft, ihrem Freund nur das Beste zu geben.


Der Tag ist anstrengend geworden.
Wir verabschieden uns aus dem immer weiter zunehmenden Gedränge der Motor-Show.
Ein letzter Blick auf die Altvorderen.
Der Parkplatz ist schnell gefunden. Der Audi 100 freut sich auf die Rückfahrt. Ob er jemals das Zeug hat, zu einem Exoten aufzusteigen?
Warten wir’s ab, wenn ich es denn überhaupt noch erlebe, bin ich doch selbst schon ein Exot.
Mit über 60 steht mir eigentlich schon seit Jahren ein H-Kennzeichen zu.
Ich weiß nur noch nicht, wo ich es anbringen soll.


Text und Bild 1-6 : W.L., Bild 7 : KBA/VDA

.....997/2 Turbo S Cabrio


Gruß
Wolfgang




Man muss die Tatsachen kennen, bevor man sie verdrehen kann.
Mark Twain

Porsche: (noch) kein Porsche