Einmal im Leben

Wir kennen das. Einmal im Leben sollst du ein Haus gebaut, ein Kind gezeugt und einen Baum gepflanzt haben. Fehlt da nicht was, denke ich? Gehört in diese Aufzählung nicht auch ein Auto? Na ja, da kann man jetzt verschiedener Meinung sein.

Autos hat man doch im Laufe der Jahre mehrere, Häuser wohl weniger. Also wenn, dann ein besonderes Auto. Vielleicht ein Ferrari? Einen Lamborghini? Einen Aston Martin? Nein, ein Porsche, mit ihm verbinden wir die Geschichte unserer Bundesrepublik. Sie ist fast 63 Jahre alt, Porsche ebenso und welch ein Zufall, ich bin es auch.


Also passt doch! Die Zeit der Reife ist verstrichen, kosten wir die Früchte unseres Jahrganges. Ich hatte mich entschlossen, mir einen lang gehegten Traum zu erfüllen. Verschiedene PZ hatte ich bereits konsultiert, mich mit dem gerade erst erschienenen Cayman befasst, auch den Boxster in Erwägung gezogen, aber ich merkte bei jedem Schritt, der mich in die Nähe des 911er führte, dass er es sein sollte.
Das Internet, genauer, die Gebrauchtwagensuche von Porsche, gab die Möglichkeit, 911er der verschiedensten Ausführungen, Ausstattungen und Farben kennen zu lernen.


So stieß ich auf das Porschezentrum Reutlingen, in der Nähe von Stuttgart. Ein arktissilbernes 911er Cabrio vom März 2005, mit ordentlicher Ausstattung und allem, was man eigentlich gar nicht braucht, ließ meinen Puls so hoch steigen, als wenn ich gerade von meiner Joggingrunde gekommen war.


Der Entschluss war gefasst. Ich wollte dem PZ einen Besuch abstatten. Am 28. Oktober 2005 fuhr ich dann in freudiger Erwartung mit meiner bereits fast 10 Jahre alten E-Klasse Richtung Süden.
Am frühen Nachmittag war ich dann auch in Reutlingen eingetrudelt. Kurz danach stand ich vor dem PZ. Sollte hier der Anfang für eine ganz besondere Freundschaft gelegt werden?


Etwas schüchtern (kann ein 2-Meter-Mann schüchtern wirken?) betrat ich das helle Innere des Porschezentrums. Nur einen Augenblick später hörte ich die Frage: Kann ich Ihnen helfen? Och, jetzt hätte ich doch beinahe gesagt, packen sie mir mal eben einen Porsche ein, vielleicht den Roten dahinten?


Aber ich hatte ja ein Date. Ich stellte mich vor. Hatten wir miteinander telefoniert, war meine Gegenfrage? Ein Kollege hatte es wohl schon mitbekommen, kam auf mich zu, begrüßte mich freundlich und führte mich geraden Weges zu meinem Wunschauto.
Nie vorher hatte ich in einem Auto gesessen, in dem sich sofort ein so vertrautes Gefühl einstellte?
Schnell hatte ich die wichtigsten Funktionen begriffen, den Sitz richtig eingestellt, war meine Fragen losgeworden, da bot er mir an, das Auto doch erst einmal zu testen.


Natürlich konnte ich nicht nein sagen und jetzt folgt das, was ich an anderer Stelle schon beschrieben hatte, das, was sehr schnell dazu führt, nicht mehr zurück zu können, aber ich wollte es ja so.
Kurz und bündig absolvierte ich die kleine Ausfahrt. Freudestrahlend kam ich zum PZ zurück. Das muss er sein, dachte ich.
Schnell waren wir uns über die Zahlungsmodalitäten einig. Ende November wollte ich ihn abholen. Noch ein kurzer Kaffee ein paar Fotos und ich war schon wieder auf dem Weg ins Münsterland.


Ein Monat später.
Ich hatte mich ausgiebig mit dem Auto befasst, denn die Betriebsanleitung wurde mir freundlicherweise mitgegeben. Nach einigen Telefonaten und dem Abwarten des 100-Punkte-Checks, hatten wir für das Abholen des Autos den 25. November 2005 abgesprochen.
Der einfachste Weg war, es mit einer gemütlichen Zugfahrt zu verbinden. Doch schon in Münster kündigte sich das an, was später als Wetterchaos im Münsterland mit dem Reißen der Überlandleitungen und dem Zusammensturz zahlreicher Strommaste enden sollte.


Hatte ich mir wirklich den richtigen Zeitpunkt zum Abholen ausgesucht? Wie sich später herausstellte, ließ ich meine Familie im Schneechaos zurück. Aber meine Jungs, noch frühzeitig aus ihrer Studentenbude in Münster nach Hause gewechselt, hatten die Lage bald vollkommen unter Kontrolle. Stromausfall für mehrere Tage bei Temperaturen unter Null Grad, damit ist nicht zu spaßen. Es war alles gut gegangen, meine Tipps per Telefon mussten aber nach kurzer Zeit eingestellt werden, da das Netz zusammenbrach. Eine Geschichte der besonderen Sorte entwickelte sich.
Ich saß im Zug, hatte eine nette unbekannte Gesprächspartnerin vis-à-vis und wusste von alledem vorerst nichts.


Der Zug endete für mich in Stuttgart und wie geht’s weiter? Regionalbahn? Ich fragte einen Taxifahrer nach der richtigen Verbindung. Steigen sie ein, meint er, ich mache ihnen einen Sonderpreis. Das Angebot nehme ich an, 40 km sind noch zu fahren. Das PZ Reutlingen ist nach einer entspannten Fahrt schnell erreicht. Ich bedankte mich beim Taxifahrer, drückte ihm den Obolus in die Hand und schon war er auf dem Weg zum nächsten Auftrag.


Ich wurde schon erwartet. Die Formalien waren bald erledigt. Ich war ziemlich aufgeregt ob der Tatsache, mein neues Auto jetzt ganz in eigener Verantwortung zu haben. Schließlich gibt man nicht alle Tage solche Summen für irgendetwas aus.
Mein Kontakt nach Hause eröffnete schnell die unangenehme Seite des heutigen Tages. Auch in Reutlingen fiel zusehends mehr Schnee. Ich suchte mir ein Hotel, mal sehen, wie es morgen weiter geht.


Am nächsten Morgen.
Das Schneetreiben wird immer stärker, die Straße langsam aber sicher zur Rutschbahn. Ich habe etwas Angst um mein neues Auto (wieso eigentlich nicht um mich?) und versuche krampfhaft von der Autobahn aus, ein Hotel zu entdecken. Glücklicherweise sehe ich schon bald ein hell erleuchtetes Schild mit einem Hinweis. Nächste Abfahrt herunter, nach 2 km habe ich das Hotel gefunden. Inzwischen ist es 19 Uhr, aber mir ist doch tatsächlich die Lust am Autofahren vergangen.


Freundlich empfängt mich die Dame an der Rezeption. Da haben sie aber Glück, sie bekommen das letzte Zimmer heute. Etwas abgelenkt beobachte ich noch die Schneeflocken draußen lustig herumwedeln und denke nur noch: das hat gepasst! Mein Zimmer ist angenehm warm, sogar mit Blick auf mein Auto. Hab ich ihn überhaupt abgeschlossen? Ich versuche ihn per Fernbedienung zu bedienen, tatsächlich, es geht vom Zimmer aus, aber ist er jetzt zu? Zweimal geblinkt?


Ich will’s nicht riskieren, außerdem hab ich mich von ihm überhaupt nicht verabschiedet. Also Jacke an, ab nach draußen, das Auto ist zu, also war er vorhin doch auf? Was soll’s, alles ok. Langsam meldet sich mein Magen, an der Rezeption bekomme ich die Auskunft, die Küche ist leider zu, aber wir können ihnen noch ein paar Schnittchen machen. Sehr freundlich, erwidere ich, können sie alles auf das Zimmer bringen?


Etwas geschafft betrete ich mein Zimmer. Wo ist denn jetzt verdammt mein Autoschlüssel? Im gleichen Moment klingelt das Telefon. Haben sie ihren Schlüssel hier liegen lassen, krächzt es zu mir rüber? Ach, das kann sein, bringen sie ihn doch gleich eben mit. Aber lassen sie ihren Zimmerservice nicht noch `ne Runde damit fahren, scherze ich erleichtert.


Der nächste Morgen. Ein Blick aus dem Fenster verrät nichts Gutes. Aber jetzt ist erstmal Frühstück angesagt. Ein zweiter Blick nach draußen, es schneit jetzt nicht mehr, aber es ist die Nacht doch einiges herunter gekommen. Ich bezahle mein Zimmer, denke noch kurz darüber nach, ob ich alles habe und gehe zum Auto. Da steht er, friedlich, etwas schneebedeckt, nicht so schön für ein Cabrio, aber er sieht gut aus.


Mit meinem Handschuh wird der letzte Schnee auf dem Auto vertrieben, ich steige ein und sofort blubbert er fleißig vor sich hin. Fast hätte ich mich beim Einsteigen noch auf die Nase gelegt. Es geht los, noch 500 km, ob das gut geht? Die Autobahn ist verhältnismäßig frei, aber je höher ich komme, desto fester wird die Schneedecke.


Ich bin erstaunt, wie stabil das Auto auf der Straße liegt. Hätte ich mir doch noch Winterreifen aufziehen lassen sollen? Aber es geht voran. Ich versuche immer wieder Kontakt nach zuhause zu bekommen. Im Radio höre ich jetzt das erste Mal ausgiebig etwas vom Schneechaos im Münsterland. Mir ist gar nicht gut. Ich schleiche hier durch die Landschaft und sollte jetzt eigentlich zuhause sein.


Die Zeit vergeht schnell, ich gerate in einen Schneesturm und überlege schon, die Autobahn wieder zu verlassen. Doch die Sauerlandlinie hat dann doch bald ein Ende und ich bekomme so langsam wieder Boden unter den Füßen. Noch 50 km, es ist inzwischen Nachmittag. Der Schneeräumdienst hat alle Hände voll zu tun. Inzwischen ist es dunkel, das Xenonlicht des Porsches ist Klasse, der noch weiße Schnee reflektiert heftig. Ich biege in meine Straße ein, alles dunkel.


Jetzt verstehe ich, der Strom ist ausgefallen, nirgendwo brennt Licht, ab und zu sehe ich eine Kerze flackern. Weihnachtsstimmung? Nein, spaßig ist das nicht mehr. Spontan fällt mir ein, was für Folgen der Stromausfall hat.
Mein Schlüssel schiebt sich ins Schloss, ich höre die Stimme meiner Frau. Wir umarmen uns, die Jungs sind auch da, ein Glück, denke ich. Wo ist das Auto? Ach, das hatte ich jetzt schon wieder vergessen, wir stapfen durch den Schnee, da steht er, geduckt und unschuldig.


Toll, der ist aber schön, höre ich die Jungs sagen. Meine Frau reagiert da etwas verhaltener. Ich spreche ein Machtwort, lasst uns doch erstmal sehen, wie wir das hier in Ordnung bringen. Sofort fällt mir der Stromgenerator im Wohnmobil ein, nach 5 Minuten habe ich einen Anschluss hergestellt und mir eine Phase, an der die Kühltruhe hängt, herausgesucht.


Der Generator springt sofort an, das Licht am Eingang brennt, die Kühltruhe surrt, die Heizung springt an. Klasse, alles gerettet. Ich laufe durch das Haus und stelle alles aus, was an dieser Phase hängt, aber nicht gebraucht wird. Meine Frau ruft herauf, funktioniert das Wasserbett? Ein Glück, ich kann es noch an die eine stromführende Phase anschließen. Erleichtert lasse ich mich in den Sessel fallen, erst jetzt merke ich die Anspannung der letzten zwei Tage, aber es ist alles gut gegangen.


Das Auto steht in der Garage, die mangelnde Stromversorgung hat eine Lösung gefunden und wir sind wieder zusammen.
Da kann ich nur sagen, Gott sei Dank passiert das nur EINMAL IM LEBEN.


Bild 1 unbekannt, Bild 2 u. 3 sowie Text: W.L.

.....997/2 Turbo S Cabrio


Gruß
Wolfgang



Ich weise darauf hin, dass ich nach bestem Wissen und Gewissen meine Weisheiten selbst gewusst habe.

Eventuelle Ähnlichkeiten mit anderen Weisheiten sind wissentlich unbewusst.