Ein Besuch bei CAPRISTO

Wir leben in einer Leistungsgesellschaft, das ist jedem bekannt. Wer noch ‚voll im Saft’ steht’, stellt sich gerne jeder Herausforderung und muss auch damit umgehen können, sich ständig gemessen, oder besser, sich ständig wie auf einem Leistungsprüfstand getestet zu fühlen.
Ich bin da hinsichtlich dieser Anforderungen inzwischen ganz locker drauf, habe ich mich doch aus dem aktiven Miteinander mit der arbeitenden Bevölkerung verabschiedet.


Mein Leistungsmessungsbedarf ist inzwischen auch hinreichend bedient worden. Staatsprüfungen diverser Art haben meine Leistungsbereitschaft ausreichend getestet und beschränken sich inzwischen auf Testverfahren im häuslichen Bereich.
Mag es der Staubsauger sein, der schwungvoll durch die Wohnung gesteuert wird, um ein Optimum an häuslichem Frieden und natürlich auch an Sauberkeit zu erreichen oder mag es der Auftrag meiner Frau sein, doch einmal herauszufinden, wie sauber die Fenster trotz ungünstiger Sonneneinstrahlung werden können.


Aber lassen wir diese Gemeinplätze dort wo sie hingehören und widmen uns einem Thema, welches uns als Porschefahrer, aber sicher nicht nur, sehr interessiert, die Leistung unseres Autos.
Es scheint dem Porschefreund verständlicherweise zu Eigen zu sein, besonders sportliche und leistungsstarke Autos fahren zu wollen.
Klar, da kann die Leistung des Gefährtes gar nicht groß genug sein und schon bald wird so oder so der Wunsch aufkommen, doch noch ein bisschen mehr Power aus dem Spiel der Kolben heraus zu kitzeln.


EINE Möglichkeit bietet sich an, dem Auto mehr Freiheit zu verschaffen.
Wenn das, was vorne angefordert wird, hinten nicht entsprechend entsorgt werden kann, muss es zum Frust des Motors kommen.
Der Leser wird merken, dass es sich nur um eine qualitätsvolle Entsorgung der Abgase mittels des Auspuffes handeln kann.
Wir kennen das aus langjähriger eigener Erfahrung, wer gut isst, muss auch entsprechend häufig… aber jetzt muss ich das nicht weiter aufbereiten.


Manche Tage sind erfreulich. Wir waren zum Geburtstag in großer Gesellschaft eingeladen und mitten ins wohlsortierte Mittagessen viel der Anruf des PFF-Kollegen Wolf, ob ich denn bereit wäre, bei einem besonderen Event am Montag, dem 15. März 2010 dabei zu sein.
Die Firma C. in Sundern im Sauerland wollte uns an einem Versuch teilnehmen lassen, bei dem es darum ging, die Motorleistung eines Porsche Cayman S vor und nach dem Umbau mit einer firmeneigenen Auspuffkonstruktion auf einem Motorleistungsprüfstand zu messen.
Im Forum war angezweifelt worden, ob dieser Auspuff tatsächlich einer Leistungssteigerung des Motors dienen konnte.
Verständlich, wenn Herr C. seine Arbeit nicht demontieren lassen wollte.


Es gab das verlockende Angebot, neben dieser Tätigkeit auch mit einem gerade erst vom Chef der Firma erworbenen Ferrari 458 Italia eine kleine Ausfahrt mitzumachen.


Wer jetzt glaubt, dieses Angebot diene der Bestechlichkeit, um bei dem Testlauf gute Ergebnisse verkündet zu sehen, kennt mich nicht.
Ich halte mich für loyal und der Aufgabe entsprechend unbestechlich.
In einem kurzen Gespräch am Sonntag erklärte Herr Capristo mir noch einmal die Situation, die Eckdaten wurden abgestimmt, am Montag um 8 Uhr sollte die Aktion beginnen.


Etwas verspätet, wetter- und verkehrsbedingt, stand ich um 8.30 Uhr vor der Tür der Firma C..
Ein kurzes Begrüßungsgespräch folgte und wir machten uns auf den Weg zum Porschezentrum, um den zu testenden Cayman S abzuholen.
Die Fahrt sollte mit dem Ferrari stattfinden.
Ich war ja schon darauf vorbereitet, aber dieses Auto, ein 458 Italia, schießt tatsächlich den Vogel ab.
Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich eine Gänsehaut bekommen, als dieses Geschoss seine Leistung in Bewegungsenergie umsetzte.
Nach einer halben Stunde standen wir schon am Eingang des PZ und ich resümierte, dass dieses Auto in allen Punkten begeistern konnte, nur die 200.000 € passten nicht so ganz in das Bild mit den vielen Sternchen.


Leider war das anvisierte Fahrzeug noch nicht von der Testfahrt des Kunden zurückgekehrt.
Unverrichteter Dinge ging’s zurück nach Sundern. Wir hatten uns schon auf einen neuen Termin am Mittwoch geeinigt.
Um den Tag nicht ganz ergebnislos abzuhaken, bot Herr C. an, doch einige Fahrzeuge auf seinem Prüfstand zu testen.
Schön, dass auch mein Auto einmal einer Prüfung unterzogen werden sollte.
Weiterhin wurde ein Porsche 996 Carrera und ein Cayman untersucht.


Ziemlich ‚verklemmt’, aber guten Mutes stand mein Porsche kurze Zeit später auf dem Prüfstand.
Ich weiß ja, wie man sich fühlen muss, wenn eine Prüfung bevorsteht.
Die Parameter waren eingegeben, der Computer wartete auf Ergebnisse.
Nach einem bestimmten Verlauf wurde dann das Fahrzeug hochgefahren.


Der Raum vibrierte, als die Pferdestärken des Porsches hemmungslos auf die Rollen des Prüfstandes losgelassen wurden.
Drei Durchgänge waren abzufahren, kurz erschien eine Zahl auf dem Display des Kontrollschirmes vor dem Auto, 317 PS.
Sollte es tatsächlich nur diese Leistung anstatt der angegebenen 355 PS sein. Ein Testlauf mit einer noch unfertigen Anlage von Capristo folgte und erbrachte 347 PS.
Weitere Testläufe mit zwei anderen Fahrzeugen (Porsche 996 und Cayman) ergaben Ergebnisse ebenfalls unterhalb der angegebenen Leistung von 320 bzw. 295 PS.
Kein Grund zur Traurigkeit, mein Auto geht gut und jeder Porschefahrer ist ja gerade von der Leistungsentfaltung seines Boliden begeistert.


Eine Erklärung dafür zu finden, warum die Porsche z.B. gegenüber den beiden Audi TT RS, die sehr genau auf der Serienleistung lagen, so weit unterhalb der Nennwerte lagen, ist mir nicht möglich.
Aber für wen ist das jetzt eigentlich wichtig? Wenn von der Radleistung, die eindeutig gemessen werden kann, auf die Motorleistung zurückgerechnet wird, müssen Undeutlichkeiten einkalkuliert werden.


Wer kennt denn die Verluste im System Auto? Nur der Hersteller hat das vielleicht einmal gemessen.
Um den Kunden nicht unglücklich zu stimmen, kann doch davon ausgegangen werden, dass auf den üblichen Messständen eher zu große PS-Zahlen festgestellt werden.


Ist der C.-Stand vielleicht nur ehrlich, denn außer den Audis gab es kein Fahrzeug, welches die Werksangaben erreichte.
Wir sind doch eher verblendet, glauben dem Tuner, wenn er mächtige PS-Zuwächse verspricht, wenn er, was ja gar nicht nachzuvollziehen ist, mit PS-Angaben herumposaunt, die bestenfalls der Nutzer des Autos auf der Straße feststellen kann.
Seien wir doch ehrlich, die Wahrheit liegt auf der Straße, in der Kurve und der Performance eines Autos.
Nur weil ich jetzt annehmen muss, dass mein Auto doch 20 PS weniger als angegeben hat, werde ich ihn nicht gleich verzweifelt in die dunkle Garage verdammen.


Klar, wir können es uns jetzt einfach machen und die C.-Anlage als fehlerhaft outen, aber wer will das jetzt beweisen?
Sobald sich Ergebnisse herausstellen, die nicht ganz in die erwartete Norm passen, ist ein Sündenbock schnell gefunden.
Porsche haben sich immer schon durch besondere Fahrleistungen von anderen Fahrzeugen abgehoben, es mag mit der 60-jährigen Erfahrung der Porsche-Mannen zutun haben, mit ihrer konsequenten Suche nach den sportlichsten Fahrleistungen und den zuverlässigsten Konstruktionen.


Leistung haben unsere Porsches genug, Freunde ebenso und niemand wird dieses Auto verdammen, nur weil es vielleicht tatsächlich etwas weniger Leistung als angegeben hat.
Ich halte es vielmehr für eine nicht sehr umweltfreundliche Entwicklung, wenn unsere Autos zunehmend mehr Gewicht auf die Straße bringen und weil die Fahrleistungen nicht darunter leiden sollen, schon weit über 500 PS als nicht außergewöhnlich angesehen werden.


Wohin das führt, mag ich nicht gerne überlegen. Unsere Porsche gehören lange nicht mehr zu den leistungsstärksten Autos, über 1000 PS zu verwalten ist keine Frage des Könnens, sondern eher des Geldes geworden.
Ich bin glücklich und zufrieden mit meinem Auto, ob es nun 330, 340, 350 oder 360 PS hat, ich freue mich jedes Mal aufs Neue darauf, mit ihm meine Runden zu drehen. Das ist entscheidend.
Zahlen sind Schall und Rauch.


Nur gut verpackt müssen die PS sein, in einem Rundherum-Wohlfühl-Paket.
Dann klappt es auch wieder mit der Freude am Fahren.


Bild und Text: W.L.

.....997/2 Turbo S Cabrio


Gruß
Wolfgang




Man muss die Tatsachen kennen, bevor man sie verdrehen kann.
Mark Twain

Porsche: (noch) kein Porsche