Porsche und die Sucht

Sehnsüchtig schwenkt der Blick nach immer mehr, immer größeren, immer schnelleren Autos?
Ja auch, aber nicht nur. Das Leben besteht scheinbar aus der Suche nach dem, was wir nicht haben, was wir erstrebenswert finden, oder was vermeintlich so sein soll.
Schon der Gedanke daran, um etwas zu wissen, das unser Herz wiederum schneller schlagen lässt, bringt uns manchmal um den Schlaf.
Der erste zu erwartende Kuss der neuen Liebe und alles das, was sich daran noch anschließen könnte, das Ergebnis einer Prüfung, der Erfolg einer Idee, vielleicht das neue Auto, befriedigen erst, wenn das Objekt der Begierde in Augenhöhe ist.

Der Satz, dieses Auto hat Suchtpotential oder dieser Sound macht süchtig, suggeriert Bedürftigkeit.
Wir Männer sind solchen Oberflächlichkeiten sehr aufgeschlossen, können sie doch die Struktur der Haut augenblicklich verändern.
Noch heute Morgen zog ein V8-AMG-Mercedes bollernd an mir vorbei und es spricht der mit falscher Zunge, der von diesem Klang nicht wohlig berührt wird.


Niemand kann sich solchen Prüfungen entziehen, die vielen Schuhe meiner Frau bedeuten auch nichts anderes als die unbefriedigte Sucht und Suche nach dem ultimativen Schuh, doch es bleibt eben nur ein Schuh, weder sein extravagantes Auftreten noch sein Farbenspiel können auf Dauer die Sucht nach dem Neuen verhindern.
Warum soll die weibliche Seele ausgeschlossen sein? Ihr Wunschkatalog ist einfach nur anders gepolt, schließlich wäre es ja auch langweilig, wenn jeder sich der gleichen Sucht hingeben würde.


Der Frühling lässt sein blaues Band...ach, das hatten wir schon, aber es ist der Frühling, der gerade uns Porschefans besondere Freude bereitet und unserer Sucht Rechnung trägt. Der erste Start des Porsches nach dem Winterschlaf gelingt meist nicht. Die Stimmung schwindet erst einmal wieder. Aber was kann der Akku dafür, wenn er vergessen wurde? Logischerweise stellen sich die meisten Probleme mit dem Auto immer nach langen Standzeiten ein. Ist er sauer, weil er so lange unbeachtet in der Garage stand, das kann eigentlich nicht sein, wird ihm doch trotz Sturm und Schnee und frostigen Zeiten immer mal wieder liebevoll über die wohlgeformten Rundungen gestrichen.


Aber wir waren gerade beim Frühling. Da öffnen sich hier und da die Garagentore und noch etwas verschlafen lugt da ein alter Kumpel heraus, der aber nun endlich einmal wieder ausgeführt, vorgeführt oder einfach nur bewegt werden möchte.
Und da ist er wieder, der Klang des Boxermotors, von dem so viel gesprochen wird.
Klitschkos Linke ist sicher genauso beeindruckend, wie dieser Boxermotor in voller Aktion. Ach, was hat das denn nun wieder miteinander zutun, was weiß Klitschkos Boxerfaust vom Boxermotor des Porsche? Nichts, aber beide machen Eindruck und süchtig. Süchtig? Wieso? Kann es süchtig machen, wenn die Faust des Meisters keine Gegner mehr kennt? Es muss wohl so ein.


Unser Boxermotor freut sich des Lebens und vor lauter Freude darüber, ist es mir eine Freude, ihm zuzuhören. Schon der 4-Zylinder-Boxer-Motor des 356er klingt nach Rennatmosphäre und hätte ich jetzt noch einen luftgekühlten 964er oder 993er, dann würde mir sicher auch wohlwollend zugestimmt, dass der Klang eines Boxermotors hier seine akustische Wiege hat. Ich bin so verwegen und behaupte sogar, dass mein 997er sich davon nicht grundlegend unterscheidet.


Ich kann mich sehr gut an mein erstes Fahrertraining in Leipzig erinnern, wo ich zuletzt von der Bühne aus dem freien Fahren der Kursteilnehmer zugesehen und vor allem zugehört habe. Der Klang der vielen hochdrehenden Boxermotoren, die immer wieder an mir vorbei zogen, war einfach nur berauschend. Es erinnerte mich an die Zeiten meiner Jugend, die ich oft am Wochenende am Nürburgring verbracht hatte. Nicht umsonst wurde damals der Grundstein gelegt, auf dem heute zwei Porsche stehen.


Ich kann mich an kein anderes Auto erinnern, das damals auf mich einen so gravierenden Eindruck hinterlassen hat, wie der Porsche.
Ja und da steht er nun, mein 356er, frisch gewaschen, frisch gewienert, frisch getankt und zu allem bereit, nur nicht zum Herumstehen, das habe ich jetzt lange genug gemacht, höre ich ihn sagen.
Fahre mich irgendwohin, aber fahre. Er muss süchtig sein, denke ich. Nach mir?
Bestimmt nicht, nach Straße, nach Kurven und nach Geschwindigkeit.


Da sind wir uns mal wieder einig und trotz deines hohen Alters von jetzt 48 Jahren, hast dich gar nicht verändert. Red nicht, fahr los, sonst trifft dich noch der Schlag, deine Chancen dazu sind größer als die meinen.
Ein frecher Bursche, denke ich, aber wo er recht hat...und du da hinten, du kommst heute auch noch dran.
Wie schön diese Sucht doch ist, denke ich und lächelnd geht's auf die Piste!


Text und Bild : W.L.

.....997/2 Turbo S Cabrio


Gruß
Wolfgang




Man muss die Tatsachen kennen, bevor man sie verdrehen kann.
Mark Twain

Porsche: (noch) kein Porsche