Der NEUE

Wieso macht es eigentlich soviel Spaß, sich mit einem technischen Gerät längs beschleunigen zu lassen, bis die Tränen aus den Augen treten?
Es scheint einen Sensor im Gehirn zu geben, der diese Art der Fortbewegung mit Wohlwollen quittiert.


Hat es vielleicht damit zu tun, dass unsere Urinstinkte erst dann befriedigt werden, wenn wir der Gefahr mit möglichst hoher Beschleunigung begegnen, um uns von ihr zu entfernen.
Obwohl - Gefahr? – wo sollte sie mir heute im Straßenverkehr begegnen? Ist es doch die Angst vor dem voluminösen Drehmoment des Audi, der mir gerade versucht, den Spoiler mit seiner aggressiven Nähe zu polieren?


Ok, mein 997 S brauchte da nichts zu befürchten. Einmal zurückgeschaltet, Gas gegeben und aus war das Spiel.
Aber warum möchte man(n) immer der Schnellste sein? Meine Frau sieht das ganz locker. Einfach die rechte Spur benutzen und schon lässt sich kilometerlang stressfrei Cruisen. Schließlich muss ich nicht immer der Schnellste sein.


Aber bitte, es handelt sich hier um mein Auto, meine Ängste und meine vielleicht traumatischen Erfahrungen.
Jetzt ist es aber gut. Wenn das soweit geht, dass schon die Nachtruhe in Gefahr ist, außer Kontrolle zu geraten, dann sollte dieses Auto doch schnell verkauft werden.


Wir reden hier von einem Carrera S, einem Porsche, der durchaus das Herz eines Autofahrers höher schlagen lässt.
Aber da ist ja noch lange nicht das Ende der so genannten Fahnenstange. Was passiert eigentlich, wenn der Vorwärtsdrang um eine nicht unerhebliche Komponente verstärkt wird?


Meine Frau hat immer die Meinung vertreten, dass ein Auto völlig ausreicht, was sie trocken, warm, gemütlich und billig von A nach B bringt.
Ich will aber gar nicht von A nach B fahren und auch nicht von C nach Sonstwo.
Ich will Spaß beim Fahren haben. Ja reicht denn da noch nicht einmal ein Auto, welches ‚nur’ 355 PS hat, würde meine Frau jetzt einwenden?
Doch doch, wer aber einmal erfahren hat, dass diese oben genannten Sensoren noch erheblich intensivere Pegel vertragen oder sogar benötigen, der scheint einfach für die Zukunft untauglich zu werden, wenn sich nicht bald dieser Pegelstand einstellt.


So kann ich also nur feststellen, dass wir Männer, ok, nicht alle, noch Restbestände dieser Sensorik in uns tragen, die schließlich befriedigt werden wollen.
Aber bitte, was kann ich denn dafür, dass sie geweckt worden sind. Da fahre ich so gemütlich vor mich hin, ahne nichts Böses, gebe Gas und plötzlich sind sie da.


Ein wenig wusste ich es ja schon vorher, auf was ich mich da einlasse. 355 PS und jetzt sogar 530 PS sind eine Hausnummer.
Wenn aber der männliche Gefühlsapparat plötzlich aus den Fugen gerät, nur weil der Vorwärtsdrang des Testobjektes ungehörig wird, dann kann ich mich nur als unschuldig outen und werde auch nur wieder gesund, wenn ich diesem Gefühlsboost nachgebe.
So habe ich das meiner Frau erklärt. Jetzt bin ich krank, bin völlig infiziert von einem Virus, den ich zwar schon kannte, der sich mir aber noch nicht so richtig vorgestellt hatte.


Einem Kranken sollte doch geholfen werden, denke ich.
Die Appelle an meine Frau verhallen unbeantwortet.
Sie wird mich meinem Schicksal überlassen und ist der festen Meinung, dass ich mir diese Krankheit nur einbilde.
Ein eingebildeter Kranker also, na gut, wenn der nächste Schub kommt, dann setze ich mich ganz still in mein Auto und fahre einfach ein wenig herum. Er wird dann schon vorbeigehen, vorausgesetzt, mein Gasfuß benimmt sich und denkt einmal ein wenig an seine Steuerzentrale da oben.


Oder ist das alles nur Unsinn. Nein, das glaube ich jetzt schon mal gar nicht. Sitze ich in meinem Mercedes, so stellt sich augenblicklich Langeweile ein und ich habe nichts anderes zu tun, als mich möglichst schnell mit meiner Lieblingsmusik berieseln zu lassen.
So etwas würde mir im Porsche nicht einfallen. Ich genieße dieses Auto mit ALLEN Sinnen, da sind akustische Fremdkörper eher Fehl am Platze.


Und jetzt hat mich mein neuer Turbo in eine andere Welt katapultiert. Dort, wo der Laser des CD-Players schon mal durch die annormale Beschleunigung seine Spurtreue verliert und das Fahren die volle Aufmerksamkeit verlangt, da sollte doch zumindest der Fahrer dieses Geschosses auf Ablenkungen anderer Art verzichten.


Darüber muss ich auch nicht weiter nachdenken und es ist eh zu spät dafür, denn er steht schon in meiner Garage und wartet auf seinen Einsatz.
Man, man, man, da hast du dir was eingebrockt und das mit 65 Jahren.
Bekannterweise beginnt aber erst mit 66 Jahren das Leben?


Nun gut, ich habe ja noch ein Jahr Zeit, mir zu überlegen und zu 'erfahren', ob es die richtige Entscheidung war.


Wolfgang


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.....997/2 Turbo S Cabrio


Gruß
Wolfgang



Ich weise darauf hin, dass ich nach bestem Wissen und Gewissen meine Weisheiten selbst gewusst habe.

Eventuelle Ähnlichkeiten mit anderen Weisheiten sind wissentlich unbewusst.