Fahrbericht Porsche Panamera 4 PDK


Wenn der Chef zur Probefahrt einlädt, sagt man nicht ‚Nein’. Im Gegenteil: man reißt seinen Arm hoch und schreit „Ich! Ich! Ich!“ – so wie man es als Streber in der Schule gelernt hat.


Eine fantastische Gelegenheit, eine Probefahrt mit einem Porsche Panamera zu buchen.


Da ich den Panamera schon seit seiner Erscheinung im Auge habe bin ich recht neugierig und zugleich sehr skeptisch: würde ich mit der unübersichtlichen Karosserie zurecht kommen? Ist das PDK (Doppelkupplungsgetriebe) wirklich so gut? Wie ist die Federung? Und ist der kleine 3,6l 6-Zylinder Motor mit Direkteinspritzung ausreichend, der auf dem Papier 300PS bei maximal 400NM leistet? Was mag er wohl verbrauchen?


Meine Erwartungshaltung: an die Karosserie kann man sich gewöhnen, PDK wird gut sein, Federung komfortabel, Motor zu lahm. 300PS aus einem V6 ohne Turboaufladung, das kann nicht viel sein.


Am Tag der Probefahrt wird allerdings leider wegen Einbruchs der Winter gesucht, der silberne Panamera hat Sommerreifen. Kein Prob-lem, wir disponieren auf einen Vorführwagen um, und deswegen wartet Dienstag Mittag ein schwarzer Panamera 4 mit Allradantrieb und Winterreifen beim Porsche Zentrum auf mich.
Vom Verkäufer bekomme ich eine sehr ausführliche Einweisung, dann bin ich mit dem Auto alleine. Mein iPhone docke ich zum Aufladen mittels FM-Transmitter an eine Steckdose an und paare es mit dem Bluetooth System des Porsches. Da klappt nach einigen Versuchen hervorragen, statt dämlicher FFN Moderatoren auf Drogen kann ich meine aktuelle Symphonic Metal Playlist hören. Das Soundsystem ist Standard, aber gar nicht so übel, auch wenn ich vermutlich doch zum BOSE System greifen würde.


Sehr schnell finde ich eine angenehme Sitzposition. Der Sportsitz ist recht straff, aber durchaus bequem, die integrierte Kopfstütze ist an-genehm gepolstert. Es gibt eine elektrisch verstellbare Oberschen-kelauflage und eine Lordosenstütze. Vor mir breiten sich 5 große Run-dinstrumente aus: in der Mitte ein großer Drehzahlmesser mit Digital-tacho und Gangwahlanzeige, mehr braucht man eigentlich nicht. Links daneben gibt es einen weiteren Tacho, der bis 300 reicht, ganz Links zwei kleinere Instrumente für Öltemperatur(!) und Öldruck(!). So etwas findet man heutzutage nicht mehr allzu oft, find ich prima.



Rechts neben dem Drehzahlmesser befindet sich ein TFT Bildschirm. Mit einem Drehrad auf der rechten Seite des Lenkrads kann man verschiedene Ansichten Auswählen, darunter die Karte des Navigationssystems. Leider finde ich keine reine Pfeildarstellung, die Karte selbst ist eher unübersichtlich und im Zeitalter von Retina Displays auch leider von ungewohnt niedriger Auflösung.


Ganz Rechts ist die Anzeige für den Tank und die Wassertemperator.


Ein Markenzeichen des Panamera ist die aufsteigende Mittelkonsole, die spontan an die Instrumente eines Airbus A320 erinnern, mit unzähligen Knöpfen und Schaltern. Wichtig sind die Schalter für Klima (oberer Bereich), Sitzheizung und die diversen Sport Tasten. Über der Mittelkonsole befindet sich ein dezenter kleiner Touchscreen für Navi und Entertainment. Aus reiner Gewohnheit nutze ich die Drehregler, find ich angenehmer als Touchscreen, der sowieso nicht mit dem iPad konkurrieren kann.



Das Ambiente im Panamera finde ich sehr angenehm. Es ist deutlich wohnlicher als in den aktuellen BMW Modellen, die Materialauswahl ist meiner Ansicht nach hochwertiger, insbesondere auch, weil das Armaturenbrett mit echtem Leder bezogen ist. Die Monitore halten sich im Hintergrund, man hat nicht das Gefühl, in einem reinen Computerauto zu sitzen.


Ich drehe den Zündschlüssel herum, der Motor startet hörbar. Der Leerlauf ist eher rauh, wie bei den meisten modernen Motoren mit Direkteinspritzung. Im Display wird rot die Anschnallwarnung angezeigt. Ist ja gut, ich schnall mich an.


Im Gegensatz zu den Fahrzeugen von Maserati und Ferrari setzt sich der Panamera in Bewegung sobald der Fuß von der Bremse geht. Das Lenkrad ist extrem leichtgängig. Vorsichtig bugsiere ich die Sportlim-ousine vom Parkplatz. Meine Route führt mich durch die List über den Aegi in die Südstadt. Trotz der Breite komme ich mit dem Auto gut zurecht. Der Panamera liegt sehr gut auf der Straße und fühlt sich an wie eine etwas größere und komfortablere Variante des Boxsters, also wie ein typischer Porsche.


Der Motor ist ein eifriger Geselle, er brabbelt ordentlich los und bringt die 1,8 Tonnen gut voran. Der erste Gang von insgesamt Sieben ist irrsinnig kurz übersetzt. Ich probiere die Sport und Sport Plus Modi aus: im Sport Modus ist die Federung straffer und das Gaspedal reagiert schärfer auf Bewegungen, das PDK schaltet schneller zurück. Sport Plus hingegen ist ein durchgeknallter Computerspiel-Modus: hier schaltet das Getriebe erst dann einen Gang hoch, wenn es sich gar nicht mehr vermeiden lässt.


Das Fahrwerk ist sehr straff, obwohl nur 18’ Felgen aufgezogen sind. Ich möchte nicht wissen, wie sich die 20’ Felgen anfühlen mögen, die zu dem Auto dazugehören. Bei den beiden PASM Sport-Modi wird es in zwei Stufen noch deutlich straffer. Die einfache Sport-Stufe ist die angenehmste, weil das PASM im Komfortmodus ausgerechnet dann auf Sport zu schalten scheint, wenn die Straße ungemütlich wird. Im Sportmodus geht das in Ordnung, im Komfortmodus hingegen nicht, weil man unerwartet durchgeschüttelt wird.


Zum Spaß haben ist das Fahrwerk ganz nett, aber auf langen Strecken habe ich da meine Zweifel. Klar, Porsche möchte und muss sportlich sein, es stellt sich aber die Frage, warum Maserati das Gleiche viel komfortabler hinbekommt?


Die Übersicht nach hinten ist kaum vorhanden, im Rückspiegel kann man zwar erkennen, ob hinter einem ein Auto ist, mehr aber auch nicht. Auch der Schulterblick ist verbesserungswürdig, ein Spurwechselassistent ist sehr zu empfehlen, weil man wirklich viel zu wenig sieht. Beim Media Markt Parkhaus mache ich einen Versuch, rückwärts einzuparken: es funktioniert, aber man muss sehr viel Vertrauen ins PDC haben.



Auf der Landstraße lasse ich ein wenig die Sau raus: hier zieht der kleine V6 emsig durch, die Beschleunigung ist sehr gut und lässt ei-gentlich keine Wünsche offen. Der Sound ist durchaus sportlich, aber mehr von einer emsig bemühten Sorte. Es ist kein lässiges Brummeln, das mein alter V12 produziert wenn er wie ein Sportboot im dritten Gang anfährt und noch längst kein großes Kino, wie es die italienischen V8 Maschinen produzieren. Der kleine Panamera Motor – der übrigens kein Konzern-Derivat ist sondern vom Panamera V8 abstammt - ist ein fleißiger Musterschüler, der sich bemüht, der alles richtig machen will, ihm fehlt jedoch eine gewisse Lässigkeit.


Wenn ich nicht gerade einen großvolumigen V12 gewohnt wäre sondern den 2,8l Reihensechszylinder von meinem ehemaligen BMW 528ia, ja, dann wäre ich wohl begeistert, so aber bleibt ein kleines Gefühl der Wehmut.


Ich tröste mich damit, dass der Motor trotz der geringen Größe den Panamera sehr gut anschiebt und dabei sicher viel sparsamer als mein V12 sein dürfte. Denkste: In der Stadt verbraucht der Panamera rund 16l. Das ist zwar angemessen, aber weit von den versprochenen 12,7l entfernt. Das schaff ich mit meinem Youngtimer auch.



Ich hole meine Anna ab, dann geht es auch die A7: dort macht der kleine Panamera richtig Spaß: er zieht sehr gut durch, und innerhalb kurzer Zeit stehen 230 km/h auf dem Tacho.


Das Überholprestige ist gut, die meisten Fahrer machen brav Platz, die Fahrt macht Freude. Auch bei hohen Geschwindigkeiten ist die Straßenlage perfekt, der Wagen fährt wie auf Schienen. Die Bremsen machen ihre Sache ohne Tadel.


Die Basismotorisierung im Panamera ist vollkommen ausreichend. Einen stärkeren Motor braucht man wirklich nicht, der Durchzug ist jederzeit überzeugend. Auch wenn ein Vertreter-Diesel bei Tempo 180 brav die Spur räumt kommt man gut vorbei, ohne dass es peinlich wird. Zwar frage ich mich ein wenig, wie sich wohl 100-250 Mehr-PS anfühlen (und anhören) würden, aber vermissen tue ich sie nicht wirklich.


Auch wenn es eigentlich nur durch Verschärfung der Kennlinie simu-liert wird: Wenn man vor Autobahnauffahrten in den Sport Plus Modus schaltet und dann das Gaspedal durchtritt startet der kleine Panamera wie von der Tarantel gestochen durch, dass es eine wahre Freude ist.
Und der Verbrauch? Bleibt immer noch bei 16l. Aber Spaß machen tut er, keine Frage. Der Panamera ist der erste Porsche, den ich fahre, der zu flotter Fahrweise animiert, ohne den Fahrer dafür größeren Martern auszusetzen.



Praktischerweise werden alle akustischen Meldungen des iPhones über Bluetooth ausgegeben, also auch die Ansagen des Blitzerwarners und von der Navigation. Wenn man dann noch den Bildschirminhalt im Armaturenbrett anzeigen und das Smartphone mit dem Multifunk-tionslenkrad bedienen könnte wäre es perfekt.


Im Prinzip könnte man sich die knapp 4,000€ für das von mir sowieso nur höchst selten genutzte Navigationssystem sparen und in sinnvol-lere Extras investieren. Zum Beispiel in Dämmglas. Die Außengeräu-sche sind schon relativ hoch, was aber nicht auffällt, da das Auto relativ laut ist. Flüsterleises Dahinschleichen ist nicht so wirklich das Ding eines Porsches, wer cruisen möchte möge doch bitteschön eine S-Klasse kaufen.


Auf dem Rückweg über die A2 schalte ich den Tempomaten an und fahre ganz piano meine 130 km/h. Trotz Reset des Bordcomputers geht der Verbrauch nie unter 9l, die angegebenen 6,8l sind reine Illu-sion. Insgesamt ist er also leider nicht wesentlich sparsamer als mein betagter Zwölfzylinder BMW. Wenn Downsizing sowieso nichts bringt, können die Hersteller dann in Zukunft bitte wieder richtige Motoren bauen? Wobei ich dem Motor Unrecht tue: der V6 ist kein aufge-ladenes Downsizing-Triebwerk, er ist klassischer ein Saugmotor im 90° Winkel mit Direkteinspritzung und VarioCam. 3,6l Hubraum sind für einen 6-Zylinder nicht gerade wenig, also per handelt es sich um ein feines Triebwerk.



Fazit: Der Panamera 4 ist ein wirklich gutes Auto für alle, die einen Boxster in der Garage stehen haben und etwas Ähnliches für lange Reisen und die Familie hätte. Es ist ein richtiger Porsche, er hat eine tolle Straßenlage, einen emsigen Motor, einen schönen Innenraum, moderne Assistenzsysteme, die sich aber dezent im Hintergrund halten.


Schade nur, dass das Leasing doch erheblicher teurer ist als das für einem vergleichbaren 7er.


Liebe Grüße,


Johannes


PS: Wer Lust hat: es gibt noch mehr Berichte von mir unter fahrberichte.vorwerkz.com

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