Lockruf der grünen Hölle

Eigentlich habe ich Urlaub und damit besseres zu tun, als samstags früh aufzustehen. Ausschlafen zum Beispiel wäre schön. Heute leider nicht drin. Der Kaffee schmeckt, Fotorucksack ist fertig gepackt und mein Little Bastard wartet in der Garage. Alles bereit, um dem Lockruf zu folgen, der selbst so eine Nachteule wie mich zum Frühaufstehen gebracht hat.


Der Ring ruft. Der Nürburgring. Nordschleife. Lockruf der Grüne Hölle. Das alleine genügt, um ein leichtes Kribbeln im Bauch zu verspüren. Jetzt kann ich meinen besten Freund verstehen, der jedes Jahr beim 24-Stunden-Rennen am Wehrseifen kampiert. Frühling in der Eifel, muss echt ein frisches Vergnügen sein. Trotzdem entscheide ich mich für eher leichte Klamotten, gerade so ausreichend. Kein Bock mehr auf Winterjacke & Co. Lieber eine Extraportion Eifelfrische als Winterfell.


Hand aufs Herz - die Fahrt in einem Porsche über Autobahnen ist zwar schön, aber im Vergleich zu den Straßen in der Eifel manchmal geradezu langweilig. Für die Unterhaltung sorgt ein Zeitgenosse im Opel Zafira. Geschätztes Alter irgendwo zwischen Midlife crisis und Rente (eher näher an zweiteres) und Fahrweise, Mentalität eines beamtoiden Bademeisters und die Freundlichkeit eines Disko-Rausschmeißers. Auf der rechten Spur kilometerweite Lücken zwischen den wenigen Autos, kein Tempolimit, Zafira zieht stur mit knapp 120 links. Ich stelle mir seine Gemütsverfassung vor. Fast wie Kaya Yanar in der alten AOL-Werbung: “Dü fährst Porsche? Na und, hier kommst Du nicht durch!”


Während ich mich mit der rechten Spur das Spektakel ansehe, nutzt ein Nissan GT-R die Steilvorlage und macht dem Opel Beine. Anscheinend haben Sportwagen aus Fernost eine ganz andere Wirkung als ein Boxster. Auf der linken Spur fährt der D-Zug los. Grinsend hänge ich mich an den Nissan und beobachte das Spektakel. 170, 180, 200, 210, 220 km/h…Zafira macht endlich Platz. Der Opelfahrer hat wohl den Kick seines Lebens bekommen. So eine Geschwindigkeit in einem Familienvan mit der Aerodynamik eines Güterwaggons, Lenkung so gefühlvoll wie Spülschwamm und Federung marke Kuschelsofa dürfte ein unvergessliches Erlebnis gewesen sein. Als ich ihn überhole, bedankt er sich aus irgendeinem Grund bei mir mit dem internationalen nonverbalen Verständigungszeichen für “Nummer eins” (im Volksmund auch “Effenberg” genannt). Wie niedlich!


Wenig später auf der A61 begegne ich ein fast schon filmreifes Pärchen. Ein roter Ferrari und eine gelbe Corvette, die sich flott und geschickt im Formationsflug durch den Verkehr schlängeln. Ich hefte mich daran und bleibe vorerst im amerikanisch-italienischen Windschatten. Als ich die Ausfahrt nehme und kurz auf gleicher Höhe ziehe, werde ich unbekannterweise mit Lächeln und Wink verabschiedet. Lächle zurück. Gute Fahrt!


Das Kribbeln im Bauch nimmt zu. Als hätte ich einen Teller voll Boeing 747er gefrühstückt. Landstraßen in der Eifel. Die Straßenbauer von damals müßten eine göttliche Eingebung gehabt haben. Wie hätten sie sonst so eine Mischung aus Gefällen und Steigungen ersinnen können, wo es noch gar keine Cabrios und Roadster gegeben hat? Und der ultimativen Mischung aus allen Arten von Kurven, die es gibt. Lang, kurz, aufmachend, zumachend, über Hügel, in Tälern…


Früher mit der Diva waren Touren durch die Eifel ein Sightseeing-Genuß. Daran scheinen auch die Straßenbauer von einst gedacht zu haben. Es muß Eingebung gewesen sein, nicht nur solche Straßen zu bauen, sondern sie auch durch so eine Gegend führen zu lassen. In den Waldschneisen herrschen noch die kühlen und zunehmend verblassenden Winterfahrben, während die nackten Hügel frühlingsgrün strahlen. Von irgendwo weht der Duft von frisch beackertem Feld, ehe es beim Vorbeifahren an einen Bauernhof unverwechselbar nach Dünge riecht und auf freier Strecke alles wieder von vorne losgeht.


Indes nehme ich all das fast so intensiv wie das Fahrgefühl. Der Little Bastard scheint für solche Straßen gebaut worden zu sein. Unaufdringlich und natürlich bekommt er die Aufmerksamkeit, die er verdient. Selbst innerhalb des Tempolimits wird aber keine Kuschelstunde daraus. Eher Verwöhnen der intensiven Art. Ich bekomme Gänsehaut. Ob von dem frischen Wetter und dem Fahrtwind oder von dem Fahrgefühl, da bin ich mir nicht so sicher. In meinem Kopf ertönt eine Melodie. Kraftwerk, “Die Mensch-Maschine”.


Nach dieser 20 Kilometer langen Orgie des automobilen Hedonismus stelle ich den Boxster ab. Pflanzgarten. Von der anderen Seite der Landstraße kommt das unmißverständliche Geräusch von Rennwagen. Die grüne Hölle, wie sie lebt. Heute fährt die VLN-Serie ihren Saisonauftakt. Fotorucksack wandert auf dem Rücken und ich richtung Brünnchen.


Der automobilen Orgie folgt eine fotografische. Eher eine Orgie der fotografischen Ungeschicklichkeit. Die nächsten Stunden verbringe ich zum größten Teil mit dem Auge am Sucher zwischen Brünnchen und Eschbach. Ziemlich schnell merke ich, daß ich bei Mitziehern schmerzhaft außer Übung bin. Gut, daß die drei havarierten Porsche in der ersten Brünnchen-Kurve nicht fahren, sonst wäre das Bild womöglich unscharf geworden. Mit der Zeit wird es zum Glück etwas besser. Dank meiner ausgefallenen Liebe für schräge Mitzieher zwar nicht wirklich gut, aber gut genug. Gut genug, um mir Gedanken zu machen, wie man Motorsport-Fotografie mit Ästhetik und den althergebrachten Regeln der Bildkomposition kombiniert. Bin da eher optimistisch, auch wenn mir bewußt, das würde einiges an Bearbeitung erfordern. Der Optimismus hält an, bis die Mercedes SLS die Grenzen des machbaren sprengen. Wie kriegt man nur diesen Sound ins Bild?


Die Schatten werden länger und zum Ausklang des Tages finde ich mich in bester Gesellschaft. Porschefahrender Gesellschaft. Das Rennen geht zu Ende. Auf dem Parkplatz darf ich einen 4S bewundern. Black Beauty! Natürlich nur gucken, nicht anfassen. Alleine beim Anblick spielt meine fotografische Phantasie verrückt und füllt sich mit jeder Menge Ideen. Am liebsten würde ich sofort und gleich…naja, gut Ding will Weile haben.


Zuerst geht es in Formation zur GP-Strecke. Als Neuling bekomme ich eine kurze Führung. Muss lächeln und den Kopf schütteln über die ebenso sinnbefreiten wie megalomanischen Umbau-Auswüchse eines gewissen Herrn L. Gut, daß der Ring trotzdem lebt. Bin zwar kein Souvenirjäger, aber vom ersten Besuch am Ring muss man einfach was mitnehmen. Zum Ausklang des Tages gibt es Diner at Subway. Was ein Hunger!


Zum Ausklang des Tages geht es über eifelaner Landstraßen nach Hause (DANKE für den Tip!). Dach bleibt zu und es fühlt sich fast traurig an, von so einem Tag loszulassen.


Aber nur fast. Dem Lockruf der grünen Hölle kann ich eindeutig nicht widerstehen.


P.S. Die Bilder gibt's hier.