Porschefahrer unter sich (Originaltitel: der Porschefahrer)

Juli 2009. Wochenlang schönes Cabriowetter, sowas geht nicht spurlos an einem vorbei. Gesicht und Unterarme sind schön braun, so braun, daß mich neulich eine Kollegin gefragt hat, ob ich in Urlaub gewesen sei. Mußte dabei lachen. Wie erklärt man einer Frau, die nicht nur einen 1er BMW fährt, sondern auch noch klinikweit für ihr nicht gerade hochentwickeltes Sinn für Humor bekannt ist, daß man nur durchs Cabriofahren so eine Bräune bekommt? Zum Glück befreit mich das Klingeln des Dienstfunks aus der Erklärungsnot.


Das Cabriowetter hat aber nicht nur auf meiner Haut Spuren hinterlassen. Auch im Kopf tut sich seltsames. Irgendwie bin ich zu sehr zum Hedonisten geworden. Freue mich jeden morgen auf den Weg zur Arbeit. Freue mich, noch in der Tiefgarage das Cab aufmachen zu können. Freue mich auf den kühlen Fahrtwind am morgen, auf den Himmel, auf die Sonne. Freue mich auf die Gerüche, die in der Luft hängen und die vom Wind auf mich zugeweht und von der Geschwindigkeit weggefegt werden. Eigentlich sollte das Cabriofahren an sich als Droge gelten. Daß ich in all dem auch eine ganz besondere Berührung spüre, macht es so schön, daß selbst mir die Worte fehlen…


Selbst die neu errichteten Baustellen auf der A52 machen mir nichts aus. Bisher bin ich da immer gut durchgekommen, dies scheint eine der wenigsten Stellen in Deutschland, wo einfädeln im Reißverschlußverfahren so gut funktioniert, daß selbst mehrfache Mütter im VW Touran und mercedesfahrende Rentner es hinkriegen. Oder zumindest funktioniert es meistens.


An diesem Morgen reißt mich ein schon dichter Verkehr aus dem Cabriorausch. Bin auf der linken Spur. Noch 600 Meter bis zum Einfädeln. Rechts neben mir knappe Abstände. Bei 130 geht alles sehr schnell. Schräg hinten eine etwas irritiert dreinblickende Matrone im VW Sharan. Weiß nicht, ob es an ihrer Brille liegt, aber den Abstand zum Vordermann läßt Schlüsse zu, daß die Dame Bremsweg für einen Straßennamen hält. Wenn der vor ihr fahrende Porsche Boxster auch nur leicht anbremsen würde, dann wäre selbst bei einer Vollbremsung ihrerseits die feine zuffenhausener Maschine durch fast zwei Tonnen wolfsburger Brutalität vergewaltigt.


Moment! Porsche Boxster? Silberfarben? Ich schaue aufs Kennzeichen…tatsächlich! Den Fahrer kenne ich, seine Beifahrerin auch. Ein Oberarzt aus der Psychiatrie. Neben ihm eine Kollegin, die immer mit ihm im Boxster mit zur Arbeit fährt. Noch mehr - derselbe Kollege, der letzten Herbst über mich gewitzelt hat, als ich im strömenden Regen im Verdeckkasten nach dem Stein von meinem Ring gesucht habe. Na warte!


Das Gaspedal küßt heftig das Bodenblech und meine Diva stürmt nach vorne. Noch 500 Meter bis zum Einfädeln…ziehe gleich mit dem Boxster, die Lücke vor ihm würde reichen. Meine Diva ist in Topform, erste Porscheteile tauchen im rechten Rückspiegel auf, noch 400 Meter. Die Tachonadel könnte genausogut auch mein Puls im Moment anzeigen. 200 Meter, Blinker ist schon längst an und der Porsche schon formatfüllend im Spiegel. Noch ein kleines Stück…100 Meter, rechts rüber…geschafft!!! Ohne drängeln oder schneiden, aber dennoch, die Abstände waren..ääähm…sagen wir mal, schön knapp. Geht aber alles ohne jegliche Bremsmanöver aus. Was wohl die beiden Psychiater über mich denken?


Unerwarteterweise scheinen sie es nicht so ernst zu nehmen, im Rückspiegel sehe ich, wie sie mir zuwinken. Ich winke zurück und wieder muß ich lachen. Sinn für Humor scheinen beide zu haben. Vielmehr als die bereits erwähnte BMW-Fahrerin. Naja, die ist Internistin, vielleicht liegt es auch daran.


Bei Essen-Ost staut es sich als Erinnerung an vergangene Tage wieder mal etwas dichter als sonst, so hat der Kollege keine Möglichkeit, die Überlegenheit seiner Fahrmaschine zu demonstrieren. Erst auf der A40 zieht er an mir vorbei. Beim Überholen bekomme ich ein freudiges Grinsen im Doppelpack geschenkt und hefte mich für den Rest des Arbeitsweges an sein Heck. Fahren tut er flott und an diesem morgen lerne ich einige schöne Schleichwege auf dem letzten Teilstück vom Arbeitsweg kennen.


Auf dem Klinikparkplatz gebe ich sogar meine Gewohnheit auf, auf dem obersten Deck zu parken und ziehe in die Parklücke rechts neben ihm. Naja, nicht sofort, erst einmal die Kollegin aussteigen lassen. Als ich unter dem vergnügten Knistern der abkühlenden Auspuffanlage das Verdeck schließe, grüßt er mich mit einem grinsen und dem freundlichen “Sie fahren aber wie eine g’sengte Sau!”.


Aus meinem Grinsen wird ein Lachen. “Daß ich das von einem Porschefahrer zu hören bekomme”, werfe ich ihm entgegen. Entrüstet zuckt er mit den Schultern. “Nanu, sie fahren gut.”. Für einige Sekunden bleibe ich wie angewurzelt stehen und lache laut los.


Daß ich das von einem Porschefahrer zu hören bekomme…


P.S. Juni 2011. Drei Jahre später fahre ich eines morgens mit dem Boxster ins Parkhaus. Ein Kollege grüßt mich. Der Boxster wird kommentiert mit einem grinsenden "Na, auch auf dem Geschmack gekommen?" und "So war auch mein erster". Upps...wie soll ich denn letzteres verstehen?


Gesagt hat es nämlich der gleiche Porschefahrer. Nur daß er jetzt Carrera 4S fährt.