Premiere

46 Jahre alt ist er jetzt. Immerhin noch mal einige Jahre weniger auf dem Buckel als ich, dachte ich etwas in mir versunken über unser Verhältnis nach. Und jetzt stand er da, der Neue. Blankes Äußeres, rot, weinrot, Bordeauxrot, eine schöne Farbe, dachte ich, man konnte sich fast drin spiegeln.


Endlich hatte ich den Teppich im Innenraum verlegt, ihn gezogen, gezerrt, auch mal geflucht, aber doch jetzt glücklich, dass mein kleiner Porsche 356 alles mitgemacht hatte. Schwierig war es schon gewesen, die vielen Kleinigkeiten wieder in Ordnung zu bringen.


Hier fehlte die Spiegelhalterung, da der Wasseranschluss an die Scheibenwaschanlage, die Innenraumbeleuchtung hatte gar keine Türkontakte, die Sitze wollten auch nicht mehr so richtig funktionieren, vieles war zu tun.


Aber es machte Spaß, in das Jahr 1961 einzutauchen, das Geburtsjahr meines neuen Spielzeugs. Wie liebevoll hat man bei Porsche doch damals gebaut, ging mir so durch den Kopf, nicht so exakt und präzise wie heute, aber die handwerkliche Kunst war zu spüren.
Die Hände dessen, die dieses Auto damals zusammen gebaut haben, das Gestühl bezogen, die Kabel verlegt, die Schrauben angezogen, waren gegenwärtig.


Natürlich, das eine oder andere war inzwischen neu gemacht worden. Wie viele Hände haben sich mit diesem Auto schon beschäftigt, dachte ich, qualifizierte und weniger qualifizierte. Einiges war gepfuscht, vergessen, falsch angeschlossen worden, aber es ließ sich richten.
Nun behaupte ich nicht, alles besser machen zu können. Ich hatte mir aber vorgenommen, dem Auto den Respekt entgegen zu bringen, den es nach 46 Jahren verdient hatte, und das forderte mich ganz und gar heraus.


Handbücher, Beschreibungen, Reparaturanleitungen hatte ich mir besorgt. Alles soweit ich es konnte in Ordnung gebracht.
…Und nun war der Tag gekommen, der Tag, auf den ich mich schon seit dem 1. Oktober 2007 gefreut hatte. Nur ein paar Kilometer hatte ich ihn damals fahren können, zu wenig, dass sich da was eingeprägt hätte.


Jetzt stand er in meiner Garage, umgeben von Werkzeug und dem, was er nicht mehr haben wollte. Das Licht der Sonne schien durch das Fenster, es sollte ein schöner Tag werden, der 10. Februar, meine persönliche Geburtsstunde für das Auto. Ich hatte mir auch den Motor angesehen und ihn, soweit ich das konnte, gescheckt. Doch bin ich kein Kfz-Mechaniker, also musste ich abwarten, was passiert.
Die Batterie war neu und voll geladen.


Ein erster Startversuch, er wollte noch nicht. Pause. Gas geben, gepumpt, noch einmal, jetzt rührte sich etwas und plötzlich sprang er an, widerwillig und unrund, als ob sein Tag noch nicht gekommen wäre. Doch es ging ihm zunehmend besser.
Garagentor auf, Rückwärtsgang, ein ungewohntes Gefühl, wie ein Anfänger kam ich mir vor.
Aber das wird schon. Freunde zu werden, wird uns beiden nicht schwer fallen.


Das Verdeck noch zu, ungewohnte Perspektiven, doch wie gut die Sicht ist, dachte ich verwundert, und laut war er noch.
Der Klang? Toll, irgendwie so, wie mein Käfer damals. Na ja, kein Wunder, die gleiche Kinderstube, aber viel mehr Charakter.
Spontane Gasannahme, toll, eben Porsche, die Doppelvergaser leisten gute Arbeit.
Na, versuchen wir’s mal, meine Frau beobachtet gespannt das Geschehen.


Willst du mitfahren? Frage ich, hoffend doch alleine fahren zu können. Nichts gegen meine Frau, aber den ersten Moment, den brauche ich für uns zwei!
Erster Gang rein, los geht’s…..
Noch etwas schwerfällig lässt er sich bewegen. Oder liegt’s an mir?
Wie gesagt, Premiere, und die kann ja schon mal daneben gehen.
Zweiter Gang, ein leises Pfeifen aus dem Getriebe dringt ans Ohr. Es singt ein Lied von bereits vielen gefahrenen Kilometern. Sind es die 45.000 km, die auf dem Tacho stehen? Wohlmöglich doch mit einer 1 davor?


Der Porsche ist zuverlässig, auch damals wusste das jeder.
Etwas abgelenkt bemerke ich den Blinker, der irritiert die Geradeausfahrt anzeigt. Ich werde ihn kontrollieren. Aber wir sind tapfer und fahren weiter auf die Hauptstraße.
Dritter Gang, der Motor wirkt zufrieden und läuft rund.
Erschreckt stelle ich fest, dass ich nur 40 km/h fahre. Die Schlange im Rückspiegel hatte ich gar nicht bemerkt. Niemand hupt, vielleicht der Respekt vor dem Alter?


Schon stehe ich an der ersten Ampel, grün, will mal sehen, was der Porsche so kann.
1. Gang, 2. Gang, ich bin überrascht, wie fleißig der Motor seine Arbeit tut.
Jetzt merke ich erst, wie häufig ich beobachtet werde.


Das Auto wirkt sicher deplaziert. Der Regen der letzten Tage hat die meisten Autos mit einem dreckig-grauen Schleier überzogen.
Ich höre jemand rufen, oh, ein Karmann! Na ja, ganz unrecht hat er nicht, aber ich kann ihn nicht mehr verbessern.
So langsam stellt sich zwischen uns Harmonie ein. Er lässt sich wunderbar schalten. Der Motor freut sich, wieder erweckt worden zu sein. Die Bremsbacken ziehen zwar noch ein wenig unterschiedlich, als wenn sie voneinander nichts wissen. Doch mein kleiner Porsche fühlt sich sehr gut an.


Gemütlich hier drin, denke ich, der Klang des Motors, ich fahre inzwischen 80 km/h - ist sehr angenehm und keineswegs laut.
Die Schaumstoffmatten unter dem Teppich dämpfen wirkungsvoll. Ein guter Tipp aus dem Forum, erinnere ich mich.
Der Wind säuselt auffällig laut an meinem Fenster, da muss ich doch wohl noch ein wenig justieren.


Das schöne Wetter animiert zum Offen fahren. Die nächste Haltebucht an der Landstraße wird zum Umbau auserkoren.
Wie solide und einfach das gelingt: Dreimal Klack an der Verriegelung, Reißverschluss der Rückscheibe gelöst, wie von selbst verschwindet das Dach auf den Rücksitzen. Kompliment an Ferry Porsche, sicher die solideste Konstruktion auf deutschen Straßen, auch heute noch.
Jetzt kurz die Persenning aufgeknöpft und ab geht’s.


Mir fällt sofort der Klang des Motors auf, einige Oktaven tiefer. Porsche wusste immer schon, wie auch das Ohr verwöhnt werden kann.
Oh, ich glaube, jetzt habe ich mich selbst vergessen. Bei 5°C und nur einem dünnen Pullover, aber es muss sein.
Premieren verlangen Einsatz, und ich will ihn nicht enttäuschen. Immerhin seine erste Ausfahrt mit mir, also geht es weiter.
Meine Frisur lag auch schon besser, der Pullover tut nur unzureichend seinen Dienst und gezittert habe ich bei meiner letzten Prüfung auch, lang ist’s her!
Was wird er von mir denken? Ich halte durch.


Aber da klappert doch was? Ach, nur meine Zähne, stelle ich fest.
Die Heizung des Porsche arbeitet gut, aber da ist sie dann doch überfordert.
Der Rundkurs ist fast geschafft, habe ich geschafft gesagt?


Wir wollen noch nicht nach Hause, denke ich. Doch es gibt noch andere Tage, um die ich mich schon jetzt beneide.
Was für ein tolles Auto haben die Mannen von Porsche doch damals gebaut. Ich verstehe jetzt, warum dieses Auto schon damals in den Träumen der Männer an die erste Stelle gerückt war und heute ist es nicht anders, geht mir durch den Kopf.
Ich genieße den letzten Kilometer. Vorne links Abbiegung in die Zielstraße. „Sie haben ihr Ziel erreicht, bitte steigen Sie aus“, würde mein GPS jetzt vielleicht sagen.


Ich denke gar nicht dran.
Vor der Garage angekommen, lass ich uns beiden noch einen Moment zum Ausklingen.
Der Motor will nicht so recht im Standgas laufen, verstehe ich, sein Revier ist die Straße.
Die Tür öffnet sich, ich sehe erschrocken zur Seite.
Na, wie war’s? fragt meine Frau.


Was soll ich da schon drauf antworten. Kalt natürlich!
Und sonst? Klasse!
Und wann fahren wir? Morgen!
Und warum nicht jetzt? Ja, warum eigentlich nicht jetzt!


Versehentlich drücke ich beim Umdrehen die Hupe, na also, seine Zustimmung haben wir auch!
Ein Tag, den man(n) so schnell nicht vergisst, eben eine Premiere!


Bild ind Text : W.L.

.....997/2 Turbo S Cabrio


Gruß
Wolfgang




Man muss die Tatsachen kennen, bevor man sie verdrehen kann.
Mark Twain

Porsche: (noch) kein Porsche