Der Scheunenfund

Es mag Anfang der 60er Jahre gewesen sein. Gerade einmal 14 Jahre alt und auf der Höhe des männlichen Forscherdranges angelangt, hatten mein Freund und ich uns eher für die Besonderheiten der nachbarschaftlichen Anwesen interessiert, als für deren schöne Töchter.
Nicht, dass wir nicht wussten, dass es dieses uns noch unbekannte Geschlecht gab, aber die jungen Damen, die wir aus dem vormittaglichen Schulbesuch kannten, reichten aus, um das andere Geschlecht als zickige, nervige und noch überflüssige Wegbegleiter abzutun.


Wir hatten uns, wie gesagt, damit zu beschäftigen, was es für Besonderheiten auf den großzügigen Besitztümern unserer Nachbarn gab.
Im Sommer konnte es also passieren, dass wir Tage damit verbrachten, uns den Bauch mit köstlichen Äpfeln des so sehr umsorgten Apfelbaumes des Nachbarn voll zu schlagen, im nahe gelegenen Wald Schießübungen mit dem Luftgewehr, natürlich im Hinblick auf eine spätere Karriere bei der Bundeswehr, zu veranstalteten, oder die höchsten Bäume des nahe gelegenen Waldes zu erkundeten, um von dort oben Fußgänger zu erschrecken.


Auch mein Terrarium bedurfte ab und zu ein paar neuer Bewohner, weil Nachbars Katze so gerne unsere gesammelten Werke wie Blindschleichen, Salamander oder Eidechsen regelmäßig zu verspeisen pflegte.
Viel wurde in dieser Zeit erlebt. Abseits von Drogen, Alkohol und anderen schlechten Dingen dieser Welt, lebten wir Freunde ganz nach dem Prinzip, die Schule ist dxxf, gehen wir mal selbst die Welt erkunden.


Eines Nachmittags nach dem Essen und dem schnellen Abhaken der Schulaufgaben, hatten wir uns mal wieder verabredet, den Weg ins Unbekannte zu gehen.
Mein Freund hatte von einem Schuppen gehört, der in einer alten Siedlung etwa 2 km entfernt von uns weg lag. Dort solle etwas Interessantes zu finden sein.


Wir machten uns auf den Weg. Fantasievoll malten wir uns aus, welcher Schatz dort wohl zu finden sei und wie wir ihn aufteilen würden.
Nach 10 Minuten waren wir dort angekommen. Der vermeintliche Schuppen war völlig unspektakulär, lag in der Nähe einer alten Villa, von der wir nur wussten, dass dort eine ältere Dame schon seit Jahren alleine lebte.
Zugewachsen, ein wenig verfallen, stand der Blechkasten da. Natürlich verschlossen und scheinbar schon sehr lange nicht mehr geöffnet worden.
Es gab kein Fenster, nur eine schmale Tür und auf der anderen Seite ein großes Tor.
Beide waren verschlossen.


Es sah so aus, als wenn wir das Geheimnis, das dort drin schlummerte, jetzt noch nicht zu lüften Imstande waren.
Wir wollten schon wieder abziehen, da kam mir die Idee, doch auch einmal auf dem Flachdach nach einer ‚Einbruchmöglichkeit’ nachzuschauen.
In einiger Entfernung stand angelehnt an einen Apfelbaum eine Leiter. Schnell war sie organisiert und genauso schnell hatte ich das Dach erklommen.


Und tatsächlich, dort oben gab es ein Fenster. Auf wackeligen Beinen, es mag auch an der maroden Hütte gelegen haben, krabbelte ich dorthin.
Welch ein Zufall, das Klappfenster war einen Spalt geöffnet und nur eingehakt, genauso, wie ich die Dachfenster auf dem Dach unseres Hauses schon kannte.


Glücklicherweise war der Schuppen inzwischen von Büschen und Bäumen soweit verdeckt, dass unser Tun bislang noch unentdeckt geblieben war.
Schlank und rang wie ich damals noch war versuchte ich, nachdem ich mir erfolglos einen Blick ins Innere verschafft hatte, mich hindurch zu zwängen.


Plötzlich stieß ich mit den Füßen auf etwas Festes, danach war es einfach, sich in das Innere zu begeben. Inzwischen hatte mein Freund den gleichen Weg genommen und stand bald schon neben mir.
Noch hatten wir nicht feststellen können, worauf wir denn eigentlich standen.
Jetzt musste die Taschenlampe her und es wurde klar, wir standen auf dem Dach eines Autos.


Vorsichtig hangelten wir uns herunter und klar war auch, dass dieses Auto sehr sehr lange nicht bewegt worden ist. Vor lauter Staub und Dreck bekamen wir beide erstmal einen Hustenanfall.
Ich leuchtete das Innere des Schuppens aus. An der schmalen Tür hing an einem Haken von innen ein verrosteter Schlüssel und die Tür ließ sich widerstandslos öffnen. Welch ein Zufall !!


Das grelle Licht der Nachmittagssonne viel in den Schuppen. Jetzt war es genau zu erkennen, ein Auto mit riesigen geschwungenen Blechen und völlig verdreckt.
Ein Auto wohl aus der Zeit vor dem Krieg, wuchtig und mit noch gewaltigeren Scheinwerfern, respekteinflößend.
Vorne auf der Kühlerhaube war es zu lesen: RR = Rolls Royce, den Namen kannten wir, wussten aber nichts Genaueres über das Auto.
Plötzlich wurden wir aufgeschreckt und hörten lautes Hundegebell. Ein Blick nach draußen genügte um festzustellen, dass es Zeit zum Rückzug war.


Blitzartig verließen wir den Ort des Geschehens. Schade, gerade jetzt wo es interessant wurde, mussten wir verschwinden.
Bald hatten wir uns genügend Entfernung verschafft. Beide in Gedanken versunken waren wir noch ganz benommen von dem gerade Erlebten.


Wir haben diesen Ort nie wieder besucht, was aus dem schönen Oldtimer geworden ist, das wissen wir nicht. Es ist nur zu hoffen, dass die Besitzerin durch uns vielleicht den Wert des Autos wieder entdeckt hat und es vielleicht in einer schönen warmen Garage heute seinen Lebensabend verbringt.


Leider weiß ich nichts über den Typ des Autos, nur, dass es tatsächlich ein Rolls Royce war. Eine Begegnung, die mir erst in der letzten Zeit wieder ins Gedächtnis gerückt ist. Ein Scheunenfund, wie man ihm nur einmal im Leben begegnet.


Bild und Text : W.L.

.....997/2 Turbo S Cabrio


Gruß
Wolfgang



Ich weise darauf hin, dass ich nach bestem Wissen und Gewissen meine Weisheiten selbst gewusst habe.

Eventuelle Ähnlichkeiten mit anderen Weisheiten sind wissentlich unbewusst.